Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.09.07, Pfarrer Jens Burgschweiger

Seelische Erhebung

Von allen Seiten wird einem ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn man einfach nur da ist. Als müsse man sich ständig rentieren, so geschäftig scheinen viele.

Und nicht nur an den sog. Werktagen. Auch der Sonntag ist längst keine heilige Kuh mehr, seit Politik und Wirtschaft gemeinsam mit der Freizeitindustrie zum Angriffblasen und ihn am liebsten abschaffen würden. Doch so einfach ist das nicht. Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ So stand es in Artikel 139 der Weimarer Verfassung, den unser Grundgesetz übernommen hat und der in seinem Wortlaut bis heute gilt. Unter Arbeitsruhe kann sich jeder sofort etwas vorstellen, aber was fällt uns zur „seelischen Erhebung“ ein?

Sprecherin: „Die Straßen gähnen müde und verschlafen. Wie ein Museum stumm ruht die Fabrik. Ein Schupo träumt von einem Paragraphen Und irgendwo macht irgendwer Musik.

Autor: Sicher, vieles hat sich verändert, seit den 30iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Mascha Kaleko diese Zeilen schrieb. Aber ist nicht der Mensch der gleiche geblieben – in seinem Sonntagsgefühl? In seinem Bedürfnis, einen Tag in der Woche zu haben, an dem er die Seele baumeln lassen kann – und nicht nur er allein. Der Tag selbst wirkt allein schon wohltuend und „erhebend“ auf die Seele, weil an diesem Tag der übliche Berufsverkehr schweigt, die Uhren anders ticken, der Lebensrhythmus verlangsamt ist.

Sprecherin: „Die Fenster der Geschäfte sind verriegelt Und schlafen sich wie Menschenaugen aus.- Die Sonntagskleider riechen frisch gebügelt. Ein Duft von Rosenkohl durchzieht das Haus.“

Autor: Sicher, früher war auch nicht alles besser. Und nicht nur Kinder haben zuweilen die streng reglementierten Sonntage durchlitten: Kirchgang im Sonntagsstaat, Sonntagsbraten, Mittagsschlaf und Sonntagsspaziergang – so mancher hatte das Gefühl, als würde die kleinbürgerliche Welt an diesem Tag noch kleinbürgerlicher. ber das ist längst Vergangenheit. Heute locken Fitnesscenter, Freizeitparks und Shoppingmeilen – an verkaufsoffenen Sonntagen schieben sich die Massen durch die Innenstädte. Und immer mehr Menschen müssen sonntags arbeiten, weil wir ja auf dem „globalen Markt“ bestehen müssen. Und der Mensch? Ist er nicht eigentlich mehr als Produktivkraft und Konsument? Am Sonntag erinnern sich Christen in jüdischer Sabbat-Tradition daran, dass Gott am siebten Tag von seinen Schöpfungswerken ruhte; zugleich gedenken sie der Auferstehung Jesu als Befreiung des Menschen zu neuem Leben. Für uns Christen steht mit der Diskussion um die Abschaffung des arbeitsfreien Sonntags viel auf dem Spiel: die Möglichkeit einen Gottesdienst zu besuchen und mithin die Religionsfreiheit. Für uns alle aber steht die Freiheit des Menschseins auf dem Spiel: Die Freiheit, den Regelkreis des Alltags zu unterbrechen, mit sich und seinen guten Seelenkräften wieder in Berührung zu kommen, aufzuatmen.Ist es uns wirklich so fern, was Mascha Kaleko über den „Sonntagmorgen“ schreibt?
 
Sprecherin: „Man liest die wohlbeleibte Morgenzeitung Und was der Ausverkauf ab morgen bringt. Die Uhr tickt leis. Es rauscht die Wasserleitung, Wozu ein Mädchen schrill von Liebe singt. Auf dem Balkon sitzt man, von Licht umflossen. Ein Grammophon kräht einen Tango fern... Man holt sich seine ersten Sommersprossen Und fühlt sich wohl.- Das ist der Tag des Herrn!“

Audiobeitrag Seelische Erhebung


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