Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.08.07, Pfarrerin Birgit Winterhoff

"Der Mann, der den Anblick seines Schattens nicht ertragen konnte"

Guten Morgen, liebe Hörerin, guten Morgen, lieber Hörer, es war einmal ein Mann – so heißt es in einer alten chinesischen Geschichte -,

der konnte den Anblick seines Schattens nicht ertragen. Er wollte ihn abschütteln und sagte: Ich laufe ihm einfach davon. Und er rannte los. Aber jedes Mal, wenn er einen Schritt tat, folgte ihm auch sein Schatten. Da sagte der Mann zu sich: Ich muss schneller laufen. Also lief er schneller und schneller, rannte um sein Leben und fiel schließlich tot um, der Mann, der den Anblick seines Schattens nicht ertragen konnte.

„Ganz schön blöd“, möchte man sagen, gäbe es da im eigenen Leben nicht auch Momente, in denen man vor sich selbst auf die Flucht gehen könnte. Wenn Schatten die eigene Seele verfinstern, Beziehungen zerbrechen, wir bei beruflichen Herausforderungen scheitern. Aber: Wer vor sich selber flieht, trifft überall wieder zuerst auf sich selbst.

Der Mann, der seinen Schatten nicht ertragen konnte und versuchte, ihm davonzulaufen, lief und lief, bis er tot zu Boden fiel. Das ist allerdings nicht das Ende der chinesischen Geschichte. Sie hat noch eine Schlusspointe. Am Ende heißt es: Wäre der Mann, der den Anblick seines Schattens nicht ertragen konnte, einfach in den Schatten eines Baumes getreten, so wäre er seinen eigenen Schatten losgeworden. Aber darauf kam er nicht. Und so rannte er sich zu Tode.

Wo also Zuflucht suchen auf der Flucht vor uns selbst? In der Bibel heißt es einmal: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ Wer Gott vertraut, muss nicht mehr vor sich selbst weglaufen. Wer Gott vertraut, weiß, wohin er sich wenden kann. Wer glaubt, findet Freiheit von sich selbst und Frieden mit sich selbst. Der christliche Glaube befreit aus der Lebenslüge, dass wir unser Leben selbst herstellen und seinen Sinn selbst produzieren könnten. Der Mensch ist mehr, als er aus sich macht. Er ist weder mit seinen Taten noch seinen Untaten identisch. Er braucht deshalb nicht auf eine Flucht zu gehen, bei der er nur wieder auf sich selbst trifft, weil er eingeholt ist von der Liebe Gottes. Weil er von Gott geliebt und anerkannt ist, findet er die Wahrheit wie den Frieden seines Lebens.

„Wer glaubt, der flieht nicht“, so steht es beim Propheten Jesaja. Weil er sich nicht befreien muss von seiner Vergangenheit, seinen eigenen Schattenseiten. Der flieht nicht, weil er befreit ist von allem, was ihm den Atem rauben und  den Mut nehmen will. Der ist befreit aus der Gefangenschaft allen Machens und Schaffens, befreit vom elenden Kreisen um sich selbst und befreit zum Eintreten für den Nächsten.

Audiobeitrag "Der Mann, der den Anblick seines Schattens nicht ertragen konnte"


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