Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.09.07. Pfarrerin Antje Rösener (Choralandacht)

Vertraut den Neuen Wegen (EG 395)

4. August 1989. Etwa 100 Menschen versammeln sich vor der Annenkirche in Eisenach. Ein junges Paar traut sich auf den Weg in die gemeinsame Zukunft.

Gefeiert wird diese Hochzeit  nicht nur mit der üblichen Zeremonie auf dem Standesamt, sondern mit einem großen Gottesdienst - was zu DDR-Zeiten alles andere als üblich war. Klaus Peter Hertzsch, ein Freund der Familie, hat sich eine besondere Überraschung für das Paar überlegt. Sein Geschenk braucht keine hübsche Verpackung, er muss es nicht unter dem Arm tragen, denn es liegt bereits auf den Bänken der Kirche: Ein kleiner Zettel, darauf ein paar Worte und Noten:

Choral:
Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist
Weil Leben heißt sich regen, weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen an hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen
in das gelobte Land.

Sprecher: Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt sich regen, weil Leben wandern heißt…

Worte geschrieben für zwei Menschen, die sich lieben und die den Mut haben, miteinander aufzubrechen. Die etwas Neues beginnen wollen, viele Pläne haben, Lust auf Unbekanntes und immer wieder Freude aneinander, Freude miteinander. Aber eben auch Fragen: Würde es ihnen gelingen, Monate, Jahre beieinander zu bleiben? Was für Hürden würden sie nehmen müssen? Beruflich, familiär?
Es war der Sommer 1989  – wie würde es weitergehen mit der DDR? Würde sich der Ärger, der Frust über das Regime mit Gewalt seinen Weg bahnen? Würden Veränderungen auf friedlichem Weg erreicht werden können? Würde es wieder Verhaftungen geben, Schikanen gegen die, die nicht länger gewillt waren, den Mund zu halten? Würden davon auch viele der Menschen betroffen sein, die sich in den Kirchengemeinden für Frieden und Gerechtigkeit engagierten? Und wie würden sie als Paar ihren Weg finden, zwischen Anpassung und Widerstand?

Die Predigt, die das junge Paar in ihrem Traugottesdienst hört, handelt von Abraham und Sara. Denn die hatten sich vor mehr als 2000 Jahren auch auf einen neuen Weg gewagt. Sie verlassen ihre Heimat, weil Gott eine neue Aufgabe für sie hat. Doch Gott lässt die beiden an diesem Wendepunkt ihres Lebens nicht ohne Wegzehrung, nicht ohne ein großes Versprechen:

Sprecher: „Ich will euch segnen und ihr sollt ein Segen sein“

Choral:
Vertraut den neuen Wegen und wandert durch die Zeit
Gott will dass Ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht
Der wird uns dahin leiten
Wo er uns will und braucht.

Ein Hochzeitslied also, zumindest damals am 4. August 1989, als es zum ersten Mal  gesungen wird. Aufbrechen, ausziehen, loswandern – davon erzählt der Text und sein Dichter, der Theologieprofessor Klaus Peter Hertzsch hätte wohl nicht gedacht, dass das Lied selbst sich schon bald in solch atemberaubender Weise auf die Reise begeben würde.

Denn die Menschen nahmen den Liedzettel von der Hochzeit mit nach Hause, mit in ihre Kirchengemeinden, mit auf die Friedensgebete, die in diesem heißen Herbst 1989 überall abgehalten wurden. Die friedlichen Proteste gegen das DDR-Regime wurden immer heftiger. Viele Bürger - und unter ihnen auch viele Christen - beteiligten sich an Vorträgen, Lesungen, Demonstrationen, Gebetsketten und Friedensgottesdiensten.

Klaus Peter Hertzsch singt das Lied Wochen später in seiner Heimatstadt in Jena in einem ökumenischen Abendgottesdienst. Inzwischen war die Mauer gefallen, die Grenzen geöffnet. Am Buß- und Bettag versammeln sich evangelische und katholische Christen in der Stadtkirche St. Michael und singen: „Vertraut den neuen Wegen.“ Viele sind tief bewegt. Denn dieses Lied beschreibt mit wenigen Worten, was die Menschen in diesen unruhigen und aufwühlenden Wochen fühlten, was ihr Herz bewegte.

Sprecher: „Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt.
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land
Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen
Das Land ist hell und weit.“
Choral:

„Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt.
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land
Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen
Das Land ist hell und weit.“

Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.  November 1989 – ein Lied geht auf Wanderschaft. Quasi in letzter Minute, bereits nach Redaktionsschluss erfährt die Gesangbuchkommission  der Evangelischen Kirche in Deutschland von dem Lied und nimmt es als allerletztes in unser Gesangbuch auf. Dort steht es nun seit etwa als 15 Jahren. Seine Melodie übrigens erhielt es erst von dieser Kommission. Der Text ist so geschrieben, dass er auf viele Melodien gesungen werden könnte. Die Kommission aber entschied sich, ihm die Melodie des viel älteren Kirchenliedes: „Lobt Gott getrost mit Singen“ zu geben.

Es ist eine Melodie, die mir fast etwas träge erscheint für die bewegte Geschichte, die dieses Lied begleitet und selbst erfahren hat. Damals, auf jener Hochzeit in Eisenach wurde es noch auf eine andere Melodie gesungen, die sehr viel beherzter und lebhafter ist. Auf die Melodie von: „Du meine Seele singe“.

Musik

Auf welche Melodie das Lied auch immer gesungen werden mag, es sind die Worte, die ans Herz gehen, die Hoffnung und Zuversicht versprechen. Denn das Leben verschont uns nicht mit Aufbrüchen. Leben heißt wandern, weitergehen, Neues wagen: Eine Ehe, das erste Kind, eine neue Chefin, der Tod eines Freundes, der Auszug der Kinder, 60 Jahre alt werden, 70 Jahre alt werden, ein Umzug in eine fremde Stadt, eine Trennung, die weh tut.

Eine Freundin wollte dieses Lied nach ihrer Scheidung mit ihrem Freundeskreis singen, um Mut für die neue Lebensphase zu bekommen. Meine Mutter hat es sich auf ihrem 70. Geburtstag  gewünscht - anstelle großer Reden. Ein Bekannter, der mit fast 80 Jahren überlegte, welche Lieder auf seiner Beerdigung gesungen werden könnten, schrieb auch dieses auf seinen Zettel … wegen der Worte: „Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit.“

Choral:
„Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt.
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land
Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen
Das Land ist hell und weit.“

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Antje Rösener aus Hattingen über den Choral “ Vertraut den neuen Wegen“ (EG 395) nach einem Text von Klaus-Peter Hertzsch. Es sangen die Wuppertaler Kurrende unter der Leitung vom Heinz Rudolf Meier.

Audiobeitrag Vertraut den Neuen Wegen (EG 395)


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