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Der rote Lippenstift
Ihre Lippen waren immer rot geschminkt. Das war bei allen so. Bei allen Frauen, die er umbrachte. Warum er ausgerechnet Frauen tötete, die roten Lippenstift trugen,
war nie erörtert worden. Ein Gutachter stellte zwar am Rande die Frage, ob er denn auch Frauen umbringen würde, die keinen roten Lippenstift tragen. Er sagte: Nein. Nach zig Verhandlungstagen, kam schließlich das Urteil. Lebenslange Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung. In Strafhaft führte er regelmäßig Gespräche mit der Gefängnispfarrerin. Einmal pro Woche holte sie ihn ab, aus seiner Zelle und ging mit ihm ins Büro. Was sie zunehmend irritierte: Er kam zu jedem Gesprächstermin mit einem auffallend rot geschminkten Mund. Sie dachte erst, er wolle sie provozieren. Dann sprach sie ihn darauf an.
Sprecherin: Warum malen Sie sich eigentlich die Lippen rot an?
Sprecher: Na ja, so ist sie mir irgendwie näher. Ich kann sie dann regelrecht spüren.
Sprecherin: Wen?
Sprecher: Na, meine Mutter.
Sprecherin: Ihre Mutter, wieso?
Sprecher: Ich war ungefähr acht, als meine Mutter ermordet wurde. Sie war mit `ner Freundin verabredet. Bevor sie ging, hat sie sich die Lippen rot angemalt. Bis später, hat sie gesagt und mir einen Kuss gegeben. Im Spiegel konnte ich den Abdruck von ihren Lippen auf meiner Wange sehen. Am nächsten Tag fand man sie dann erdrosselt unter einer Brücke. Ihr Tod war ein absolutes Tabu in unserer Familie. Keiner sprach darüber. Aber ich, ich hab sie unendlich vermisst. Jahre später habe ich dann das erste Mal gemordet. Ich habe nur die roten Lippen der Frau gesehen und an meine Mutter gedacht. Ich wollte irgendwie dabei sein, als sie starb. Ich wollte begreifen, was damals geschehen ist. Nach der Tat bin ich nach Hause gefahren hab mir selber die Lippen rot angemalt. Ich wollte zurückholen, was mir genommen worden ist. So war es jedes Mal. Es war wie eine Sucht. Ich konnte da nicht mehr aufhören."
Sprecherin: "Bevor Sie zum Täter wurden, waren Sie also selbst Opfer. Es hat nur niemand gemerkt.
Sprecher: Ach, ich wünschte, ich könnte anders sein:
Sprecherin: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Gott hat die Macht zu heilen.
Erzähler: Immer wieder musste sie diese Worte sagen. Über Wochen und Monate. Und dann eines Tages erscheint er zu einem Gesprächstermin ungeschminkt. Im Büro stellt er einen roten Lippenstift auf den Tisch.
Sprecher: Bitte, bitte malen sie sich damit an.
Sprecherin: Nein. Niemals.
Sprecher: Bitte.
Erzähler: Sie nimmt den Stift, geht damit zum Spiegel, der über dem Waschbecken hängt. Als sie sich umdreht, schaut er sie an. Ihre Lippen sind knallrot.
Sprecher: Es ist nicht unbedingt Ihre Farbe, aber Sie können den Lippenstift trotzdem behalten. Ich brauch ihn nicht mehr.
Erzähler: Dann geht er zur Tür und dreht sich um.
Sprecher: Ach übrigens: Danke.
Sprecherin: Wofür?
Sprecher: Für Ihren Gott.
Sprecherin: Warten Sie! Wir gehen zusammen.
Der rote Lippenstift
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