| |
Utopie: Die neue Farbe
Was die Welt unbedingt braucht, ist eine neue Farbe. Wie sie aussieht, kann man natürlich nicht beschreiben. Denn sie ist ja keine Mischung aus den bisherigen Farben,
sondern eine vierte Grundfarbe neben Rot, Blau und Gelb. Ich stelle mir das so vor: Wie eine Sternschnuppe leuchtet sie am nächtlichen Himmel für wenige Sekunden auf und verlöscht sofort wieder. Wer die neue Farbe sieht, tut unverzüglich, was er im tiefsten Grund seines Herzens immer tun wollte. Sobald das erkannt wird, gibt es Reaktionen. Das Militär beantragt im Kongress 20 Milliarden Dollar, um den unbekannten Himmelskörper zu zerstören. Konservative verbarrikadieren sich und ihre Familien bei Anbruch der Dunkelheit im Haus. Regierungschefs verordnen das Tragen farbfilternder Brillen. Man munkelt, Arbeitgeber unterstützten deren Produktion mit Spenden in astronomischer Höhe. Denn sie alle wissen, ohne die Farbe setzen die meisten Menschen ihre Träume nicht um. Egal, ob es darum geht, nur noch zu tanzen oder die Metzgerlehre anzufangen, obwohl alle zum Studium raten. Es ist schwer, an dem festzuhalten, was man wirklich will. Gegen vernünftige Argumente, gegen den Willen der Eltern und vielleicht auch gegen die eigene Unsicherheit. Darum brauchen wir ihn immer wieder, einen Anstoß von außen, der uns an unsere Sehnsüchte erinnert. Und das muss nicht unbedingt eine neue Farbe sein.
Sprecherin: Christiane Birgden
Utopie: Die neue Farbe
|