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Schöner scheitern? Gibt es das? Die Bibel sagt: Jein.
Es geht aufwärts! titelt die Presse beim Blick auf die Wirtschaft. Die Arbeitslosenzahlen sinken und die Gewinne steigen. Es fließen auch wieder mehr Kirchensteuern.
Ist also eine Entspannung der dramatischen Lage in Staat und Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche in Sicht?
Ich sage: Ja und nein, liebe Hörerin und Hörer, und ich grüße Sie herzlich an diesem Sonntagmorgen. Ich bin Doris Damke, Oberkirchenrätin und Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld.
Ich sage ja und nein. Denn in der Tat, die Zahlen in unserem Land werden besser: Bereits jetzt wird heftig darüber diskutiert, wohin der lang erhoffte finanzielle Segen fließen soll. In der Diakonie aber, die zu meinem Aufgabenbereich gehört, ist von uneingeschränkter Euphorie nur wenig zu spüren. Noch immer gibt es zu viele Verlierer. Menschen, die unsere Schuldnerberatungen aufsuchen, weil sie für sich und ihre Familien keinen Ausweg aus der Misere sehen. Bei unseren Familien- und Eheberatungseinrichtungen gibt es Wartelisten für die, die Rat und Hilfe suchen. Angesichts von noch immer vorherrschender Massenarbeitslosigkeit, Hartz IV und Rekordscheidungszahlen kein Wunder.
Im 21. Jahrhundert gehören Niederlagen und Krisen mittlerweile zum Lebenslauf vieler Menschen. Ein totgeschwiegenes Thema kommt aus seiner Tabu-Ecke: Es gibt eine Show des Scheiterns, die durch die Lande tingelt und Pechvögel präsentiert. Auch Ratgeber in Buchform stehen derzeit hoch im Kurs. Scheitern gehört mittlerweile zur Normalbiografie, schreibt die Kölner Publizistin Ursula Ott. Sie diagnostiziert: Es ist kein individuelles Versagen mehr, es ist der Preis der Freiheit. Doch dieser Preis ist hoch. Für viele zu hoch. Darum haben Ratgeber, die dem Scheitern noch etwas Positives abgewinnen können Hochkonjunktur zum Beispiel der Buchtitel Schöner scheitern.
In ihm wird auf den gemeinsamen Ursprung der Worte scheitern und gescheit sein hingewiesen: das altpersische Wort scheitan nämlich. Es bedeutet soviel wie Teufel. Und der ist diabolisch nicht nur der große Durcheinanderwerfer. Er ist vor allem der große Spalter, von dem wir offen-bar Einiges lernen sollen. Denn wer gescheit sein will, muss die Gründe für sein Scheitern abspalten. Er darf sie nicht länger ignorieren, sondern soll aus ihnen Konsequenzen ziehen. Nur so, meint die Autorin, kann Leben wieder gelingen. Machs wie Donald Duck, empfiehlt ein anderes Buch. Der Enterich im Matrosenanzug zeigt uns wie kein anderer, was Scheitern heißt. Egal, was er anpackt, immer wieder fällt er auf den Schnabel. Doch er rappelt sich stets wieder hoch und versucht sein Glück mit Schlauheit, Zuversicht und Beharrlichkeit aufs Neue. Gute Verlierer sind Menschen, die im Scheitern die Herausforderung erkennen, ihr Selbst zu erweitern [
] oder wieder neu ins Wasser zu springen. schreibt die Autorin.
Dabei hilft ein unverstellter Blick hinter die Kulissen der eigenen Fassade. Der Mut zur Bestandaufnahme. Jammern war gestern, heute geht es darum, die eigenen Krisen unters Seziermesser zu legen und die eigenen verborgenen Kräfte zu wecken, die uns dann einen Neubeginn ermöglichen.
Manch Tipp mag hilfreich sein sich selbst wieder bei den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, ist für mich aber eher ein Rat á la Münchhausen. Das wird nicht jeder und jedem gelingen, liebe Höre-rin und Hörer. Manches Scheitern eines Menschen ist weder selbstverschuldet noch durch einfache Kniffe zur Selbstmotivation zu lösen. Gescheiterte Menschen brauchen andere, die ein Ohr, ein Herz und Zeit für sie haben. Ich bin überzeugt, sie brauchen auch Gott. Den Gott, der uns immer wieder annehmen will, auch in unserem Versagen. Den Gott, der in jedem Leben Neuanfänge ermöglichen will durch sein Geleit, seinen Segen.
Darum greife ich auch nicht zuerst in die Ratgeberkiste des Büchermarkts, wenn es um die entscheidenden Fragen des Lebens geht. Ich nehme die Bibel zur Hand. Sie ist und bleibt für mich die wichtigste Ratgeberin. Damit steht sie nicht in Konkurrenz zu praktischen Hilfen und qualifizierter Beratung, wie in den Einrichtungen der Diakonie. Aber sie leistet noch mehr. Denn sie vermittelt uns auf vielfältige Weise, dass Würde und Wert eines Menschen nicht an Erfolg und Leistungen hängen.
Darum erzählt sie so viel vom Scheitern der Menschen. Dabei kommt das Wort Scheitern in der Bibelübersetzung Martin Luthers überhaupt nicht vor. Aber die Sache eben schon. Wir lesen von Menschen, die zu Fall kommen. Manche erleiden Schiffbruch, andere müssen damit zu Recht kommen, dass Ersehntes nicht in Erfüllung geht, ja drohen sogar, zugrunde zu gehen.
Von ihnen erzählt die Bibel, Aber sie schildert nicht nur steinige Lebenswege. Sie gibt immer auch Trost und Rat. Denn im Mittelpunkt stehen stets Gott und seine Menschen und wie sie auch in schweren Zeiten zueinander finden.
Musik
Autorin: Die Bibel erzählt Geschichten des Scheiterns und des Neuanfangs:
Da scheitert einer, weil er sich von seinem Bruder durch eine List den Segen seines Vaters erschlichen hat. Zuerst geht alles gut. Er bekommt wenn auch auf Umwegen die ersehnte Partnerin, gelangt zu großem Wohlstand. Aber der Knick in seiner Biografie lässt ihn darüber nicht recht glücklich werden. Die Aussöhnung mit seinem Bruder steht noch aus. Erst dann ist Leben zur vollen Genüge möglich. Gott schenkt einen solchen Anfang. Der Gescheiterte hieß übrigens Jakob.
Da scheitert einer mit viel Besitz und dem, was das Leben schön macht. Er verliert alles. Wird sterbenskrank. Und verliert unter der Schicksalslast fast seinen Glauben. Denn schließlich war er einer, der tagein, tagaus mit Gott gerechnet hat. Jetzt kann er ihn nicht mehr finden. Hiob klagt Gott an. Fordert Antwort von ihm. Hiobs Freunde suchen nach Gründen für seine Misere. Sie analysieren und spalten gewissenhaft die Argumente. Sie erinnern sich an das altpersische Scheitan, von dem ich eingangs gesprochen habe. Die Freunde suchen nach dem Grund des vermeintlichen Scheiterns beim Betroffenen selbst. Doch sie finden nichts bei dem aufrechten und gottesfürchtigen Mann. Er hieß Hiob.
Und dann scheitert da noch einer. Ausgerechnet einer, der sich in besonderer Weise Jesus von Nazareth verbunden weiß. Bei seinem Fischerboot hat Jesus ihn angesprochen und ihn aufgefordert, sich ihm anzuschließen. So wurde er sein Jünger. Der, der am ehesten erkannt hatte, wer dieser Jesus wirklich war. Das hat er offen gesagt. Nein, das hat er bekannt: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!. Doch als Jesus von Nazareth verhaftet und verurteilt wurde, da hat er ihn ver-leugnet. Noch ehe der Hahn dreimal krähte, hatte er nicht nur alle Glaubenshoffnung, sondern auch alle Freundschaftsbande hinter sich gelassen. Er hieß übrigens Simon Petrus. Auch auf ihn ist die christliche Kirche gebaut.
Die Bibel erzählt Geschichten des Scheiterns. Doch sie erzählt zugleich davon, dass Gott auch erfolglose und unglückliche Menschen, solche, die in den Augen ihrer Mitmenschen nur Versager und Schiffsbrüchige sind, niemals aufgibt.
Sprecher: Gott ist gütig und eine Feste zur Zeit der Not und kennt die, die auf ihn trauen. Er schirmt sie, wenn die Flut überläuft.
Autorin: weiß der Prophet Nahum (1,7.8) und sagt es weiter.
Musik
Autorin: Es gibt Erfahrungen des Scheiterns, die uns jede Gewissheit rauben. Dann fühlen wir uns einsam, von Gott verlassen. Und manchmal auch vom Rest der Welt dann fällt es uns sogar schwer, menschliche Nähe und Hilfe zuzulassen. Wenn wir dann überhaupt noch etwas aus Gottes Wort vernehmen, dann oft nur das, was uns das Leben ohnehin schwer macht: Nur Mut. Nun reiß dich mal zusammen. In der Bibel sind es dann die Imperative, die mit einem Du sollst
beginnen. Für mich ist es aber wichtig, zu erkennen, dass Gott uns in der Bibel auch ausrichten lässt:
Klagen ist erlaubt! Wenn jemand in existenzielle Not gerät, fällt es schwer, an Gott zu glauben und mit ihm zu reden. Die eigenen Worte versagen. Aber ich kann mir welche ausborgen. Zum Beispiel bei den Psalmen, den alten Gebeten und Liedern des Volkes Israels. Im 25. Psalm betet ein Gescheiterter, der zu verzweifeln droht, so:
Sprecher: Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich. Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend. Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten! 20 Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!
Autorin: Wir erfahren nicht, was diesem Betenden so zusetzt. Wissen nicht, woran er zu zerbrechen droht. Sind es seelische Nöte? Materielle Sorgen? Oder andere Menschen, die ihm das Leben schwer machen? Jedenfalls fühlt er sich allein. Und diese Einsamkeit ist noch schlimmer zu ertragen, wenn man sich selbst Vorwürfe macht. Da ist nicht der Verstand, sondern das Herz in Not. Da kann man nicht kühl analysieren, da muss man sein Leid klagen dürfen. Dafür ist Gott eine gute Adresse. Er ist der Gott der Verzweifelten, der Traurigen, Zermarterten und Geschlagenen:
Sprecher: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind.
Autorin: lässt uns dieser Gott durch den Propheten Jesaja (57,15) ausrichten. Die Erfolgreichen und die Gescheiterten sind die Geliebten Gottes. Sie wollen nicht Recht behalten, aber Recht empfangen. Sie wollen und sollen von Gott bewahrt sein. Am eindringlichsten überbringt uns diese gute Nachricht Gottes Sohn, Jesus Christus, selbst. Auch er ein vermeintlich Gescheiterter. Hingerichtet am Kreuz. In seiner größten Pein kann auch er sich nur in die Worte flüchten, die er von Jugend an kennt. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Auch ihm scheint Gott so weit weg zu sein. Und doch hält er an ihm fest. Jakob hat mit seinem Gott um dessen Segen gerungen. Hiob steckte in einer tiefen Glaubenskrise. Gott segnete ihn erneut und Hiob starb alt und lebenssatt.
Simon Petrus hat Jesus verleugnet doch Christus gab ihm eine zweite Chance. Und in diese Reihe gehört auch Jesus von Nazareth, der Mensch gewordene Gottessohn. Er hat sei-ne Todesnot am Kreuz hinausgeschrieen. Zu Ostern wurde ihm neues unvergängliches Leben geschenkt. Ihr Adressat, ihr Gegenüber, an dem sie alle festhielten, war Gott. Die Beziehung zu ihm gibt neue Orientierung im Blick auf Gegenwart und Zukunft und schenkt die Hoffnung, nie allein zu sein und verloren zu gehen. Der Gott, der die Verzagten, Ängstlichen, ja auch die Gescheiterten liebt und behütet, lässt diesen ausrichten (2. Kor. 12,9 ):
Sprecher: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Autorin: Auf Gottes Gnade vertrauen, die Seele durchatmen lassen, Kräfte des Glaubens spüren, einen neuen Blick für die Möglichkeiten des Lebens bekommen das wünsche ich nicht nur gescheiterten und verzagten Menschen. Ich wünsche es uns allen. Nicht nur an diesem Sonntag, sondern an jedem neuen Tag. Es grüßt sie herzlich Doris Damke aus Bielefeld.
Schöner scheitern? Gibt es das? Die Bibel sagt: Jein.
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