Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.08.07, Frank Küchler

Wie groß ist des Allmächt’gen Güte

Müde und erschöpft geht der Philosophie-Professor durch die dunklen Gassen von Leipzig. Es regnet in Strömen. Aber das macht ihm nichts aus. Nach diesem Tag ist

er erst einmal froh, mit sich allein sein zu können. Keine Leute um ihn herum,
die ihn irgendetwas fragen wollen. Das genießt er schon jetzt, auf seinem Heimweg.
Es war nämlich mal wieder so ein Tag!  Der Hörsaal war brechend voll. Schätzungs-
weise 500 Hörer hatten sich im Hörsaal versammelt, um seine Vorlesung zu hören. Für
diese Zeit eine unglaubliche Zahl.  

Poesie, Rhetorik und Moral, das waren seine Themen. Mittlerweile war sein Lehr- An-
gebot tatsächlich so etwas wie eine Attraktion an der Uni Leipzig geworden. Er war
der Star unter den Professoren. Die Leute kamen von überall her, um ihn zu hören.
Dabei war sein Weg bis hierher kein leichter gewesen! Er war in ärmlichen
Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater war Pfarrer. Er selbst das fünfte von dreizehn
Kindern. Geldmangel hatte dazu geführt, dass er sein Studium erst einmal abbrechen
musste. Er war gezwungen, Geld zu verdienen. So arbeitete er als Hauslehrer in adligen
Familien, bis er  dann 1744 sein Studium doch noch abschließen konnte.
Manchmal schaute er zurück auf diese Zeiten voller Entbehrung. Er dachte daran, wie
schwer das für ihn war, als der Vater ihm sagen musste: du kannst nicht länger
studieren. Ich kann das nicht mehr finanzieren.

So war es auch an jenem Abend im Wintersemester des Jahres 1757. Endlich konnte er
nach diesem anstrengenden Tag die Füße hochlegen und in Ruhe eine Tasse heißen
Tee trinken-  was für eine Wohltat! Seine Gedanken gingen zurück in diese harte Zeit
der Studienjahre. Aber es überkam ihn dabei ein Gefühl von wohliger  Wärme und
tiefer Dankbarkeit, als er  so da saß und von seinem Sessel aus den Flammen des 
Kaminfeuers zusah. 
                                                      
Chor:    Wie groß ist des Allmächt’gen Güte!
             Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt,
             der mit verhärtetem Gemüte
             den Dank erstickt, der ihm gebührt?
             Nein, seine Liebe zu ermessen,
             sei ewig meine größte Pflicht.
             Der Herr hat meiner nicht vergessen,
             vergiss, mein Herz, auch seiner nicht!  (0:45)


Autor:  
Christian Fürchtegott Gellert hieß der Mann, von dem hier die Rede ist. Als er im
Jahr 1757 den Text dieses Chorals dichtete, war er – wie gesagt - längst ein
erfolgreicher und gefragter Wissenschaftler. Auch der Dichter Johann Wolfgang
Goethe gehörte zu seinen Zuhörern im Hörsaal. Er schrieb über ihn:

Sprecher:
Die Verehrung und Liebe, welche Gellert von allen jungen Leuten genoss, war 
außerordentlich. Nicht groß von Gestalt, zierlich, aber nicht hager, sanfte, eher    traurige Augen, eine sehr schöne Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, ein feiner Mund, ein gefälliges Oval des Gesichts: alles machte seine Gegenwart angenehm und wünschenswert. Es kostete einige Mühe, zu ihm zu gelangen. Seine zwei Famuli schienen Priester, die ein Heiligtum bewahren, wozu nicht jedem der Zutritt erlaubt ist. Und eine solche Vorsicht war wohl notwendig: denn er würde seinen ganzen Tag aufgeopfert haben, wenn er  alle Menschen, die sich ihm vertraulich zu nähern gedachten, hätte aufnehmen und befriedigen wollen.

Chor: Wer hat mich wunderbar bereitet?
          Der Gott, der meiner nicht bedarf.
          Wer hat mit Langmut mich geleitet?
          Er, dessen Rat ich oft verwarf.
          Wer stärkt den Frieden im Gewissen?
          Wer gibt dem Geiste neue Kraft?
          Wer lässt mich so viel Glück genießen?
          Ist’s nicht sein Arm, der alles schafft? (0:45) 

Autor:
Fragen über Fragen hat Fürchtegott Gellert in dieser Liedstrophe aneinandergereiht.
Allesamt sind es ganz offensichtlich rhetorische Fragen. Sie zielen einzig und allein
darauf ab, dass der, der sie hört, in’s Nachdenken kommt!  
Überhaupt entfaltet er hier, was das für ihn bedeutet: des „Allmächt’gen Güte“. Woran
er diese Güte festmacht. Wie er persönlich in seinem  Leben  Gottes Güte erlebt hat.

Nämlich so:

Gott hat ihn geleitet in seinem Leben, er war sein Ratgeber, er schenkte ihm inneren 
Frieden in Gewissensnöten. Gott ist es auch, dem er sein Glück verdankt. Aber nicht
nur das: Gott ist es auch, der ihm dazu hilft, sein Glück zu genießen. Er weiß, dass zum
Glück die Fähigkeit hinzukommen muss, es auch genießen zu können. Er weiß, dass
das nicht machbar ist. Es braucht besondere Momente! So wie an diesem Abend, als er
nach getaner Arbeit müde und doch zufrieden bei einer Tasse Tee zuhause sitzt.
   
Chor:  Und diesen Gott sollt ich nicht ehren
           und seine Güte nicht verstehn?         
           Er sollte rufen, ich nicht hören,
           den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn?
           Sein Will ist mir in’s Herz geschrieben,
           sein Wort bestärkt mich ewiglich:
           Gott soll ich über alles lieben,
           und meinen Nächsten gleich als mich. (0:45)

Autor: 
In einem solchen Moment, erfüllt von Dankbarkeit, scheinen die Dinge für den
erfolgreichen Philosophieprofessor einfach und auf der Hand zu liegen:
Gottes Güte hat auch eine objektive Seite. Sie zeigt sich darin, dass die Menschen von
Gott eine Orientierung für ihr Leben bekommen. Dass er seinen Willen den Menschen
bekannt gemacht hat. 

Gottes Wille ist also für Fürchtegott Gellert nichts Abgehobenes, Rätselhaftes.
Auch nicht etwas, das etwa schwer zu ergründen wäre. Nein, Gott hat den Menschen
seinen Willen ins Herz geschrieben. In sein Innerstes. Darum kann er ihn auch be-
folgen. Gott bestärkt ihn darin, diesen Weg zu gehen: Gott lieben, den Nächsten
lieben und sich selbst lieben. Das klingt hier so einfach und klar. Sicher, wir alle wissen,
dass das im Alltag nicht immer leicht ist. Dass wir dahinter immer wieder zurück
bleiben. Das wusste auch  Fürchtegott Gellert. Aber das ändert nichts daran, dass sich der
Wille Gottes für uns Menschen in diesem einfachen Gebot zusammenfassen lässt:
Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe. Das zu wissen, und auch damit zu rechnen,
dass Gott hierzu seine Kraft geben will, das gibt doch einen festen Halt und eine
Orientierung im Leben. Wir sind also auf unserem Lebensweg nicht notwendig die
ewig Fragenden. Wir müssen nicht dauernd nach dem Willen Gottes forschen, ihn
immer neu ergründen. Gott hat sich den Menschen ja längst verständlich gemacht.
Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe - das ist der Wille Gottes, der den Menschen
in’s Herz geschrieben ist. Und das genügt! Man könnte es auch so sagen: das
Dreifach-Gebot der Liebe ist der Orientierungsrahmen, in dessen Grenzen wir unsere
Freiheit als Christenmenschen entfalten können. „Liebe und dann tu, was du willst“, sagt
Augustin.

Wen wundert es, dass in einem solchen Moment von Behaglichkeit, Dankbarkeit und
innerer Klarheit die Verse des Dichters unter seiner Feder wie von selbst umschlagen
in eine Anrede zu Gott hin? Aus der Rede über Gott wird Rede mit Gott - Gebet!                   
                                                                                                                                                                  

Chor: O Gott, lass deine Güt’ und Liebe mir immerdar vor Augen sein!
          Sie stärk in mir die guten Triebe, mein ganzes Leben dir zu weih’n.
          Sie tröste mich zur Zeit der Schmerzen; sie leite mich zu Zeit des Glücks;
          Und sie besieg in meinem Herzen die Furcht des letzten Augenblicks.   
 

 


Angaben zur Musik:  Wie groß ist des Allmächt’gen Güte
Text: Christan Fürchtegott Gellert (1757)
Melodie: Justin Heinrich Knecht (1793)         
Satz: Gerhard Schnitter 2002

Es singt das Solistenensemble unter der Leitung von Gerhard Schnitter

 

 

 

 

 


 

Audiobeitrag Wie groß ist des Allmächt’gen Güte


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