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Wie groß ist des Allmächtgen Güte
Müde und erschöpft geht der Philosophie-Professor durch die dunklen Gassen von Leipzig. Es regnet in Strömen. Aber das macht ihm nichts aus. Nach diesem Tag ist
er erst einmal froh, mit sich allein sein zu können. Keine Leute um ihn herum, die ihn irgendetwas fragen wollen. Das genießt er schon jetzt, auf seinem Heimweg. Es war nämlich mal wieder so ein Tag! Der Hörsaal war brechend voll. Schätzungs- weise 500 Hörer hatten sich im Hörsaal versammelt, um seine Vorlesung zu hören. Für diese Zeit eine unglaubliche Zahl.
Poesie, Rhetorik und Moral, das waren seine Themen. Mittlerweile war sein Lehr- An- gebot tatsächlich so etwas wie eine Attraktion an der Uni Leipzig geworden. Er war der Star unter den Professoren. Die Leute kamen von überall her, um ihn zu hören. Dabei war sein Weg bis hierher kein leichter gewesen! Er war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater war Pfarrer. Er selbst das fünfte von dreizehn Kindern. Geldmangel hatte dazu geführt, dass er sein Studium erst einmal abbrechen musste. Er war gezwungen, Geld zu verdienen. So arbeitete er als Hauslehrer in adligen Familien, bis er dann 1744 sein Studium doch noch abschließen konnte. Manchmal schaute er zurück auf diese Zeiten voller Entbehrung. Er dachte daran, wie schwer das für ihn war, als der Vater ihm sagen musste: du kannst nicht länger studieren. Ich kann das nicht mehr finanzieren.
So war es auch an jenem Abend im Wintersemester des Jahres 1757. Endlich konnte er nach diesem anstrengenden Tag die Füße hochlegen und in Ruhe eine Tasse heißen Tee trinken- was für eine Wohltat! Seine Gedanken gingen zurück in diese harte Zeit der Studienjahre. Aber es überkam ihn dabei ein Gefühl von wohliger Wärme und tiefer Dankbarkeit, als er so da saß und von seinem Sessel aus den Flammen des Kaminfeuers zusah. Chor: Wie groß ist des Allmächtgen Güte! Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt, der mit verhärtetem Gemüte den Dank erstickt, der ihm gebührt? Nein, seine Liebe zu ermessen, sei ewig meine größte Pflicht. Der Herr hat meiner nicht vergessen, vergiss, mein Herz, auch seiner nicht! (0:45)
Autor: Christian Fürchtegott Gellert hieß der Mann, von dem hier die Rede ist. Als er im Jahr 1757 den Text dieses Chorals dichtete, war er wie gesagt - längst ein erfolgreicher und gefragter Wissenschaftler. Auch der Dichter Johann Wolfgang Goethe gehörte zu seinen Zuhörern im Hörsaal. Er schrieb über ihn:
Sprecher: Die Verehrung und Liebe, welche Gellert von allen jungen Leuten genoss, war außerordentlich. Nicht groß von Gestalt, zierlich, aber nicht hager, sanfte, eher traurige Augen, eine sehr schöne Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, ein feiner Mund, ein gefälliges Oval des Gesichts: alles machte seine Gegenwart angenehm und wünschenswert. Es kostete einige Mühe, zu ihm zu gelangen. Seine zwei Famuli schienen Priester, die ein Heiligtum bewahren, wozu nicht jedem der Zutritt erlaubt ist. Und eine solche Vorsicht war wohl notwendig: denn er würde seinen ganzen Tag aufgeopfert haben, wenn er alle Menschen, die sich ihm vertraulich zu nähern gedachten, hätte aufnehmen und befriedigen wollen.
Chor: Wer hat mich wunderbar bereitet? Der Gott, der meiner nicht bedarf. Wer hat mit Langmut mich geleitet? Er, dessen Rat ich oft verwarf. Wer stärkt den Frieden im Gewissen? Wer gibt dem Geiste neue Kraft? Wer lässt mich so viel Glück genießen? Ists nicht sein Arm, der alles schafft? (0:45)
Autor: Fragen über Fragen hat Fürchtegott Gellert in dieser Liedstrophe aneinandergereiht. Allesamt sind es ganz offensichtlich rhetorische Fragen. Sie zielen einzig und allein darauf ab, dass der, der sie hört, ins Nachdenken kommt! Überhaupt entfaltet er hier, was das für ihn bedeutet: des Allmächtgen Güte. Woran er diese Güte festmacht. Wie er persönlich in seinem Leben Gottes Güte erlebt hat.
Nämlich so:
Gott hat ihn geleitet in seinem Leben, er war sein Ratgeber, er schenkte ihm inneren Frieden in Gewissensnöten. Gott ist es auch, dem er sein Glück verdankt. Aber nicht nur das: Gott ist es auch, der ihm dazu hilft, sein Glück zu genießen. Er weiß, dass zum Glück die Fähigkeit hinzukommen muss, es auch genießen zu können. Er weiß, dass das nicht machbar ist. Es braucht besondere Momente! So wie an diesem Abend, als er nach getaner Arbeit müde und doch zufrieden bei einer Tasse Tee zuhause sitzt. Chor: Und diesen Gott sollt ich nicht ehren und seine Güte nicht verstehn? Er sollte rufen, ich nicht hören, den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn? Sein Will ist mir ins Herz geschrieben, sein Wort bestärkt mich ewiglich: Gott soll ich über alles lieben, und meinen Nächsten gleich als mich. (0:45)
Autor: In einem solchen Moment, erfüllt von Dankbarkeit, scheinen die Dinge für den erfolgreichen Philosophieprofessor einfach und auf der Hand zu liegen: Gottes Güte hat auch eine objektive Seite. Sie zeigt sich darin, dass die Menschen von Gott eine Orientierung für ihr Leben bekommen. Dass er seinen Willen den Menschen bekannt gemacht hat.
Gottes Wille ist also für Fürchtegott Gellert nichts Abgehobenes, Rätselhaftes. Auch nicht etwas, das etwa schwer zu ergründen wäre. Nein, Gott hat den Menschen seinen Willen ins Herz geschrieben. In sein Innerstes. Darum kann er ihn auch be- folgen. Gott bestärkt ihn darin, diesen Weg zu gehen: Gott lieben, den Nächsten lieben und sich selbst lieben. Das klingt hier so einfach und klar. Sicher, wir alle wissen, dass das im Alltag nicht immer leicht ist. Dass wir dahinter immer wieder zurück bleiben. Das wusste auch Fürchtegott Gellert. Aber das ändert nichts daran, dass sich der Wille Gottes für uns Menschen in diesem einfachen Gebot zusammenfassen lässt: Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe. Das zu wissen, und auch damit zu rechnen, dass Gott hierzu seine Kraft geben will, das gibt doch einen festen Halt und eine Orientierung im Leben. Wir sind also auf unserem Lebensweg nicht notwendig die ewig Fragenden. Wir müssen nicht dauernd nach dem Willen Gottes forschen, ihn immer neu ergründen. Gott hat sich den Menschen ja längst verständlich gemacht. Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe - das ist der Wille Gottes, der den Menschen ins Herz geschrieben ist. Und das genügt! Man könnte es auch so sagen: das Dreifach-Gebot der Liebe ist der Orientierungsrahmen, in dessen Grenzen wir unsere Freiheit als Christenmenschen entfalten können. Liebe und dann tu, was du willst, sagt Augustin.
Wen wundert es, dass in einem solchen Moment von Behaglichkeit, Dankbarkeit und innerer Klarheit die Verse des Dichters unter seiner Feder wie von selbst umschlagen in eine Anrede zu Gott hin? Aus der Rede über Gott wird Rede mit Gott - Gebet!
Chor: O Gott, lass deine Güt und Liebe mir immerdar vor Augen sein! Sie stärk in mir die guten Triebe, mein ganzes Leben dir zu weihn. Sie tröste mich zur Zeit der Schmerzen; sie leite mich zu Zeit des Glücks; Und sie besieg in meinem Herzen die Furcht des letzten Augenblicks.
Angaben zur Musik: Wie groß ist des Allmächtgen Güte Text: Christan Fürchtegott Gellert (1757) Melodie: Justin Heinrich Knecht (1793) Satz: Gerhard Schnitter 2002
Es singt das Solistenensemble unter der Leitung von Gerhard Schnitter
Wie groß ist des Allmächtgen Güte
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