Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.08.07, Beate Raguse

Verfliegende Sorgen

Der Düsseldorfer Flughafen. Vollkommen abgehetzt komme ich dort an. Nach drei Staus verfehle ich erst einmal

die Einfahrt ins Parkhaus, drehe eine extra Runde, finde dann doch noch die Einfahrt und haste in die Ankunftshalle.
Gerade noch rechtzeitig, um zu erfahren, dass die Maschine aus Madrid sich um etwa eine Stunde verspätet.

Jetzt heißt es, erst einmal durchatmen. Ich schlendere durch die Halle, überall stehen wartende Menschen.
Ihre Blicke wandern neugierig hin und her und fixieren immer wieder die drei Symbole über den automatischen Türen. Bilder, die jedes Kind versteht: eine Maschine im Landeanflug, Gepäck auf einem Förderband, und schließlich Gepäck, das sich in Bewegung setzt. 40 mal pro Stunde landet hier ein Maschine, sooft stehen hier Geschäftspartner, Freunde und Familien und sehen auf die Abfolge der Bildchen, Anflug, Koffer, Koffer in Bewegung.

Hinter der Tür komplizierte Vorgänge, ausgeklügelte Logistik, modernste Technik, das  Ineinander von Tausenden von Handgriffen. Für die Wartenden jedoch sind alle Vorgänge reduziert auf Anflug, Koffer, Koffer in Bewegung.

Als ob die Welt so einfach wäre, kinderleicht, reibungslos, als ob es keine Abweichungen gäbe. Umsonst sucht man nach einem Symbol für jemandem, der vergeblich auf sein Gepäckstück wartet, nach einem für eine Maschine, die Verspätung hat, und erst recht gibt es kein Bild von einer Maschine, in der vorne ein Kidnapper sitzt.

Es gibt nur Bilder vom reibungslosen Ablauf, alles andere wird ausgeblendet. Ist das okay?  Doch mit der Zeit verfliegen die Zweifel. Ich merke: Es tut gut. Es tut gut, sich dem Sog der simplen Symbole hinzugeben. Sie erzählen vom guten Verlauf, immer wieder.

Es tut gut, wenn die Sorgen immer mehr in den Hintergrund treten, die auf dem Weg hierher noch wichtig waren. Die großen Sorgen über Eta und Terrorismus, kranke Eltern und wie sicher ist mein Arbeitsplatz, aber auch die kleinen, hoffentlich komme ich pünktlich, hoffentlich verfehlen wir uns nicht. Sie sind wie weggeblasen.

Nun genieße ich den Augenblick; schaue die Gesichter an, die wartenden, suchenden, lächelnden, beobachte aus den Augenwinkeln die Umarmungen, das Küssen und den Handschlag, das Verlassen der Wartehalle Schulter an Schulter. In der Gewissheit, gleich werde auch ich dazugehören.

Der Düsseldorfer Flughafen -Inbegriff der Mobilitätsgesellschaft- wird zum Ort der Ruhe. Ob sich solche Erfahrung auch anderswo mitten im Alltag wiederholen lässt? Einen Versuch ist es wert. Denn: es ist nicht einfach, die täglichen Sorgen zu vergessen. Zahlreich sind die Orte, an denen Menschen es versuchen. Pilgerweg und Meditationsraum, Fitness-Studio und Fernsehsessel. Manche folgen Jesu Rat und gehen in die Natur. Vieles ist möglich. Hauptsache, wir werden aufmerksam. Für den Ort, an dem es gelingt, zur Ruhe zu kommen. An dem die vielen Eindrücke, Gedanken und Sorgen in den Hintergrund treten und wir gelassen werden, an dem wir Kraft schöpfen und an die vielen Dinge denken, die Tag für Tag so vorzüglich funktionieren. Auch in unserem eigenen Leben.

Audiobeitrag Verfliegende Sorgen


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