Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.08.07, Beate Raguse

Gute Nachricht

Es war zu Beginn unserer Konfirmandenzeit. Der Pfarrer verteilte Bibeln. Graue Taschenbücher,

auf denen in großen Buchstaben stand „Die Gute Nachricht“ darunter: „Das Neue Testament in heutigem Deutsch“. Was ich damals schick fand; auf dem Cover waren kreuz und quer die Titel großer Tageszeitungen abgedruckt. Frankfurter Rundschau, Süddeutsche, die Welt.

Wir als 13 jährige verstanden sofort: Die Gute Nachricht hatte etwas zu tun mit den aktuellen Nachrichten. Entsprechend hieß unsere erste Aufgabe; sammelt gute Nachrichten.

Tatsächlich hatten beim nächsten Mal alle gute Nachrichten dabei. „Queen bringt ein neues Album auf den Markt“,  „Das Schwimmbad hat während der Sommerferien länger geöffnet“, „Die Bay City Rollers kommen nach Düsseldorf“.
Nur Birgit hatte über den Tellerrand von Bravo und Lokalanzeiger gesehen.
Sie las vor, dass sich in dem kleinen norwegischen Dorf Hammerby immer wieder nach Anbruch der Dunkelheit ein Exhibitionist gezeigt hatte. Daher erließ der Bürgermeister eine Anordnung, die besagte, dass Mädchen und Frauen nach 20 Uhr nur in Begleitung eines Mannes das Haus verlassen durften. Doch es gab massive Proteste. Daraufhin wurde eine ungewöhnliche Regelung getroffen: weibliche Hammerbyer durften sich weiterhin frei bewegen, die männlichen Dorfbewohner durften abends jedoch nur noch in Begleitung einer Frau vor die Tür. War das eine gute Nachricht?

Klar, meinten wir Mädels, denn schließlich berichtete sie von einer originellen Lösung. „Blöd“ befanden einige der Jungen, aber überzeugend klang das nicht.

Ganz nebenbei lernten wir, gute Nachrichten stimmen froh, verbreiten Vorfreude, Zuversicht, machen Lust aufs Leben.

Kein Wunder also, dass es bis heute immer mal wieder Ansätze gibt, nur gute Meldungen zu sammeln. Ein kirchliches Internetportal veröffentlicht neben tagespolitischen Meldungen und Aktuellem eine eigene Rubrik „Gute Nachricht“. Ein Missionswerk rät als eine Art Patentlösung zu Gelassenheitsübungen angesichts sämtlicher Nachrichten. Und die us-amerikanische Internetseite happynews stellt nur noch fröhlich stimmende Nachrichten ins weltweite Netz.

Was mich dabei stutzig macht; je weltlicher das Medium, desto stärker die Tendenz, alles Schlechte einfach auszublenden und darin das Gute zusehen. Weltflucht im weltweiten Netz.

Doch ist das die Lösung? Die schlechten Nachrichten einfach auszublenden? Was mir damals bei Birgits provokanter Exhibitionisten-Meldung so gefallen hatte, war doch gerade, dass das Schlechte ernst genommen wurde und man einen – wenn auch ungewöhnlichen Weg fand mit der bedrohlichen Situation umzugehen. Und das wiederum war eine Gute Nachricht.
Und kam damit nahe heran an das, was wir im weiteren Verlaufs unseres Konfirmandenunterrichts lernten:

Auch die „Gute Nachricht - das Neuen Testament in heutigem Deutsch“ ist kein weltfremdes Buch. Es spart nichts aus. Es weiß von Not und Bedrängnis, von Machtmissbrauch und Angst. Aber es erzählt auch vom Teilen und Tragen, vom Reden und Zuhören, vom Finden guter Lösungen.

Heilen in der Welt statt Flucht in eine heile Welt. Geschichten, die es sich immer wieder zu lesen lohnt. Weil sie Mut machen, gegen Missstände vorzugehen, sein Leben zu leben, auch nach Anbruch der Dunkelheit.

Audiobeitrag Gute Nachricht


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