Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.08.07, 08-09 Uhr, Sidney Schering

Angst zu helfen?

Das Mädchen weint schon die ganze Zeit. Ich sitze auf einer Bank am Bahnhof, wartete auf meinen Zug.

„Vielleicht hat sie einen wichtigen Zug verpasst oder sich mit ihrem Freund gezofft. Das ist bestimmt bald vorbei", denke ich und widmete mich meinem MP3-Player.

Das Schluchzen des Mädchens wird lauter. Die Wimpertusche läuft ihr über die Wangen. "Du musst ihr helfen. Frag sie, was sie hat. Biete ihr ein Taschentuch an. Tröste sie!"

Ich habe es nicht getan. Und warum? Weil ich Angst hatte. Wirklich: Was, wenn sie denkt, ich will sie angraben. Nachher ruft sie laut um Hilfe, und ich stehe dumm da. Oder sie geht einfach weg, weil es ihr total peinlich ist, dass ich gesehen habe, dass sie weint.

Nun habe ich ein schlechtes Gewissen. Weil ich doch eigentlich weiß, dass es total  erbärmlich ist, aus reiner Unsicherheit nicht zu helfen. Natürlich kann es mal passieren, dass sich jemand angegriffen fühlt, weil man unaufgefordert seine Hilfe anbietet. Doch das ist wohl wirklich selten der Fall. Die meisten freuen sich, wenn man ihnen hilft.

Ich fasse einen Entschluss. In Zukunft helfe ich! Anstatt zu grübeln, ob das nun angemessen ist oder nicht. Und der erste Schritt ist leicht: Ich muss aufhören mich in so einer Situation mit mir zu beschäftigen und anfangen mich in meinen Nächsten hineinzuversetzen.

Wenn ich das mache, ist egal, ob ich eventuell Ärger riskiere. Wenn es mir mal schlecht geht, will ich doch auch, dass mich jemand tröstet. Und wie schön ist es, Hilfe zu bekommen, wenn man sie wirklich braucht.

Sprecher: Michael Birgden

 

Audiobeitrag Angst zu helfen?


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