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"Geh aus mein Herz, und suche Freud"
Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, sagt ein Sprichwort. Von einem, dessen Herz vor Freude so voll war, dass er ein Gedicht geschrieben,
das die Herzen vieler Menschen bis heute erfreut, will ich Ihnen erzählen. Dieses Gedicht beginnt mit den Worten Geh aus, mein Herz, und suche Freud / in dieser lieben Sommerzeit / an deines Gottes Gaben. Geschrieben hat es der Pastor Paul Gerhardt 1653. Beliebt wurde dieses Lied vor allem, seit es etwa 150 Jahre später eine flotte und eingängige Melodie bekam, die ein richtiger Ohrwurm wurde. Es zählt in Text und Melodie zu meinen Lieblingsliedern. Mein Name ist Werner Max Ruschke, und ich grüße Sie, sehr geehrte Hörerinnen und Hörer, recht freundlich. Ich bin evangelischer Pastor und in Münster Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Perthes-Werkes. Das ist ein großer diakonischer Träger in Westfalen mit Angeboten vor allem für alte, aber auch für behinderte und sozial benachteiligte Menschen.
Musik: Geh aus, mein Herz, Vers 1.
Geh aus, mein Herz, und suche Freud / in dieser lieben Sommerzeit / an deines Gottes Gaben Hier schickt einer sein Herz auf Reisen. Hier empfiehlt, ja befiehlt einer seinem Herzen: Suche dir Freude! Erfreue dich an der Natur, die der Sommer in einen blühenden Garten verwandelt hat! Erkenne, dass diese Natur in all ihrem Schmuck gerade dich erfreuen will!
Ich kenne übrigens einige Menschen, die im Unterschied zu mir gerade dieses Lied nicht sonderlich schätzen. Die haben so ihre Vorbehalte gegen eine anscheinend naive Naturfrömmigkeit; die meinen, dass dieses geistliche Volkslied zu sehr Volk und zu wenig geistlich ist. Man hat sogar versucht, es aus dem evangelischen Kirchengesangbuch heraus zu drängen, glücklicherweise vergeblich. Und ebenso vergeblich war der Versuch, dem Lied andere Töne zu geben, weil seine beliebte tänzelnde Melodie so wenig von der Getragenheit eines evangelischen Kirchenchorals an sich hat.
Über manche dieser Einwände mag man ja streiten. Nur: Naivität darf man dem Dichter gerade nicht unterstellen. Paul Gerhardt nämlich hat dieses Lied 1653 gedichtet. Da war der Dreißigjährige Krieg gerade erst einmal fünf Jahre vorbei. Seine Wunden waren noch längst nicht verheilt. Die Spuren von Brandschatzungen und Zerstörungen waren noch sichtbar, kaum eine Ortschaft blieb von herumstreifenden Söldnerheeren verschont, Mord und Todschlag forderten ungezählte Opfer, ganze Landstriche waren fast entvölkert.
Angesichts von so viel noch gegenwärtigen Leid, Grausamkeit und Tod freut sich das Herz nicht mehr von allein. Angesichts von dermaßen viel Unerfreulichem muss es zur Freude erst aufgefordert werden. Paul Gerhardts leichtes Sommerlied ist für mich so etwas wie ein Protestlied gegen schwere Zeiten, in freudenarmen Zeiten ein Trost- und Hoffnungslied.
Geh aus, mein Herz. Wer so singt, weiß, dass er Trost und Hoffnung nicht in sich selber findet. Paul Gerhardt will sich und andere herausholen aus dem gewundenen Schneckenhaus von Traurigkeit. Wer ganz mit sich und dem eigenen Leid beschäftigt ist, der nimmt die Umwelt nur ganz am Rande wahr. Das kann nach christlichem Verständnis Sünde sein. Sünde ist, sagt Martin Luther einmal auf Lateinisch, incurvitas in se, das Kurven und Kreisen allein um sich selber. Manchmal ist es geradezu heilsam, selbstvergessen zu leben, also sich selbst mit den eigenen Sorgen und Ängsten und Freudlosigkeiten zu vergessen. Manchmal tut es unendlich gut, der Aufforderung Paul Gerhardts zu folgen und Freude in und an Gottes Natur zu suchen.
Musik: Geh aus, mein Herz, Vers 2 und 3.
Geh aus, mein Herz, und suche Freude, nämlich an blühenden Bäumen und Blumen, Narzissen und Tulpen. Und an einer Vielzahl von Tieren: Lerche, Taube und Nachtigall besingt Paul Gerhardt, Huhn und Storch und Schwalbe, Hirsch und Reh, Schaf und Biene. Wie friedlich wird es manchmal in mir, wenn ich an einem Sommerabend mich am Gesang der Amsel erfreue, den sie vom höchsten Ast des Apfelbaumes ertönen lässt. Und wie schön ist es für mich, wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit an unserem Rosenstock mit dem passenden Namen Duftwolke schnuppere. Ich bin froh, ich bin Gott dankbar für solche und ähnliche Momente belebender Naturerfahrung. Sie bereichern mich und schenken mir Kraft für meinen Alltag. Und ich erahne etwas von der Wahrheit jener Worte, die in der Erklärung Martin Luthers zu unserem Glaubensbekenntnis stehen: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen.
Aber und dieses Aber kann ich nicht einfach unterdrücken darf ich denn dem, so Paul Gerhardt, Lustgeschrei der Schafe lauschen, als gäbe es nicht zur gleichen Zeit die Angstschreie von geschändeten Menschen? Darf ich mich am, wieder mit Paul Gerhardt, Rauschen der Bächlein erfreuen, wenn zur gleichen Zeit Ströme von Flüchtlingen unterwegs sind bis in unsere Städte? Darf ich zu den Vögeln am Himmel schauen und zur gleichen Zeit die Folter auf Erden übersehen? Ist es erlaubt, derart weltvergessen das Dunkle und Leidvolle und Unverständliche einfach auszublenden?
Ja, doch, ich bin der Überzeugung: Gott will, dass wir von Zeit zu Zeit selbstvergessen und weltvergessen sind. Ich jedenfalls kriege das Ganze der Welt nicht zusammen. Ich kann mir auf beides zusammen keinen Reim machen: die blühenden Bäume und die berstenden Bomben, das grüne Kleid und den grausamen Krieg, die bunten Vögel und das brutale Foltern. Und auch Paul Gerhardt kann sich auf beides zusammen keinen Reim zur gleichen Zeit machen. O Haupt voll Blut und Wunden, dieser Passionschoral, und Geh aus, mein Herz, dieses Sommerlied, sind zwei grundverschiedene Gedichte vom selben Dichter, die aufs erste Hören nicht zusammenpassen und die doch zusammengehören. Beide nämlich haben ihre uneingeschränkte Berechtigung je zu ihrer Zeit. Das erinnert an eine tiefe Weisheit aus dem alttestamentlichen Buch mit dem Namen Prediger Salomo; in ihm heißt es im 3. Kapitel:
Sprecherin: Ein jegliches hat seine Zeit: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.
Ich darf mich also gelassen damit abfinden, dass ich Welt und Geschichte bestenfalls teilweise verstehe. Und ich bin wirklich gespannt, einmal zu erfahren, wie Gott im Himmel alles das zusammenbringt, was ich auf Erden nur als Gegensatz und Widerspruch begreifen kann. In dem bewegenden Film Jenseits von Afrika fliegt die Heldin mit ihrem Geliebten in seinem Flugzeug über das Hochland von Kenia. Zu den Bildern von überwältigender Naturschönheit sagt sie schlicht:
Sprecherin: Und ich bekam eine Ahnung davon, dass Gott diese Erde sehr gut geschaffen hat.
Genau eine solche Ahnung, dass Gott die Erde sehr gut geschaffen hat, will auch Paul Gerhardt mit seinem Sommerlied schenken.
Musik: Geh aus, mein Herz, Vers 9.
Ein das Herz erfreuender Sommertag ist für Paul Gerhardt ein Gleichnis und Vorgeschmack des in der Bibel versprochenen ewigen Lebens. Paul Gerhardt redet vom ewigen Leben ganz diesseitig und erdverbunden. Das Leben nach dem Tod wird ähnlich sein wie beglückende Erlebnisse vor dem Tod. Ähnlich redet ja auch die Bibel vom ewigen Leben; Jesus etwa vergleicht es einmal mit einem üppigen Festmahl. Paul Gerhardt redet von einem goldenen Schloss, um das Unbegreifliche eines neuen Himmels und einer neuen Erde begreiflich und seine Hoffnung darauf handfest zu machen. Wir heute müssen Paul Gerhardts Himmelsbilder nicht übernehmen. Aber wir sollten schon darauf achten, dass unser Bild vom Himmel nicht armseliger wird als ein goldenes Schloss und nicht farbloser, kälter und langweiliger als ein farbenfroher, warmer und abwechslungsreicher Sommertag.
Musik: Geh aus, mein Herz, Vers (13 und) 14.
Zum Schluss seines fünfzehn Verse umfassenden Gedichtes möchte Paul Gerhardt sein wie eine Baum oder eine Blume, die in Gottes Garten verwurzelt sind. Um der Gefahr einer inneren Entwurzelung zu entgehen, bittet er um festen Halt für sein Leben. Wer wie Paul Gerhardt erfahren musste, wie der Mensch zu des Menschen Wolf wird, der sehnt sich da nach, Teil von Gottes guter Schöpfung zu werden. Wer den Menschen als Zerstörer der Natur erlebt, der kann wohl darum bitten, dass der Mensch sich seiner eigenen Wurzeln erinnert und somit seiner das Leben erst ermöglichenden Verbundenheit mit eben dieser Natur. Wer sich als Teil der Natur versteht, wird eintreten für ihre Bewahrung und ihren Erhalt.
Paul Gerhardts Geh aus, mein Herz, und suche Freud ist ein verlockendes Lied, weil es zum Mitsingen lockt. Es ist ein begeisterndes Lied, weil es den Geist Gottes atmet und weil Menschen es seit Jahrhunderten als belebend erfahren. Es ist ein herzerfrischendes Lied, weil es bis auf diesen Tag die Herzen von Menschen so erfüllt, dass auch ihr und mein Mund übergeht:
Sprecherin: Ich selber kann und mag nicht ruhn, / des großen Gottes großes Tun / erweckt mir alle Sinnen; / ich singe mit, wenn alles singt, / und lasse, was dem Höchsten klingt, / aus meinem Herzen rinnen.
Ich wünsche Ihnen, sehr geehrte Hörerinnen und Hörer, einen Sie erfreuenden Sommertag. Ihr Werner Max Ruschke von der evangelischen Kirche aus Münster.
Musik: Geh aus, mein Herz, Vers 8.
Musik: Bläsersatz von Geh aus, mein Herz, und suche Freud(Karl-Heinz Saretzki Bläserkreis Bochum: Die schönsten Vorspiele und Choralsätze für Bläser; Luther-Verlag, Bielefeld 2007).
"Geh aus mein Herz, und suche Freud"
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