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Ein Gott, dem es noch schlechter geht
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen, sagte Jesus einmal seinen Zuhörern.
Er wollte damit nicht auf kindliche Unschuld oder Naivität anspielen, sondern darauf, dass Kinder im Unterschied zu uns Erwachsenen leichter Vertrauen fassen und sich noch ganz selbstverständlich beschenken lassen können. Vermutlich hätte Jesus einen kleinen Jungen wie den 10jährigen Oskar uns Erwachsenen als leuchtendes Beispiel vor Augen gestellt. Von diesem Oskar, der lebensgefährlich an Leukämie erkrankt ist, erzählt Eric Emmanuel Schmitt in seinem Buch Oskar und die Dame in Rosa. Immer wieder überschüttet der kleine Oskar seine treue Besucherin, Oma Rosa, mit Fragen nach Gott.
Eines Tages schlägt sie Oskar vor, Gott einmal zu besuchen. Oskar ist ganz überrascht, zu hören, dass man Gott besuchen kann - und zwar ganz in der Nähe, in der Kapelle seines Krankenhauses.
Sie gehen also am nächsten Tag in die Kapelle und beim Betreten sieht Oskar sofort das Kruzifix an der Wand und erschrickt. Dem gehts aber auch nicht gut! stellt er fest. Und sogleich erfasst ihn ein ganz großer Zweifel, ob von so einem wirklich Hilfe zu erwarten ist. Er sagt zu Oma Rosa: Der ist ja so arm dran. Dem gehts ja noch schlechter als mir. Der hat genug mit sich selbst zu tun. Der wird mir auch nicht helfen können! Schon scheint der Besuch bei Gott zu einem enttäuschenden Fehlschlag zu werden. Doch da entgegnet ihm Oma Rosa: Möchtest du einen Gott, der keine Ahnung hat, wie es dir geht, der keine Schmerzen und keine Angst kennt? Oder möchtest du lieber einen, der aus eigener Erfahrung weiß, wie das ist, wenn es einem so geht wie dir?
Da wird Oskar sehr nachdenklich und fängt an, an den Gott zu glauben, der weiß, wie sich Schmerzen anfühlen und wie es ist, wenn man im Herzen so friert und es dunkel in einem wird. Er fängt an, Briefe an Gott zu schreiben. Schließlich legt er auf seinen Nachttisch einen Zettel, weil er Gott zu sich eingeladen hat und befürchtet, er könne den Besuch verschlafen. Als Oskar kurz darauf stirbt, findet man diesen Zettel, auf dem steht: Nur der liebe Gott darf mich wecken!.
Liebe Hörerinnen und Hörer, auch wenn der kleine Oskar in den letzten Tagen seines Lebens nicht mehr viele Geschichten über Gott erfahren hat, so hat er doch das Wichtigste mitbekommen und verstanden. In kindlicher Unbefangenheit fängt er an, dem Gott zu vertrauen, der so gut seine eigenen Ängste und Schmerzen nachempfinden kann und der ihm gerade deshalb so nahe ist. Und er zögert keinen Augenblick, den persönlichen Kontakt zu diesem Gott zu suchen, ihm Briefe zu schreiben und ihn zu sich einzuladen. Und wenn er auf seinem letzten Zettel auf dem Nachttisch die Nachricht hinterlässt: Nur der liebe Gott darf mich wecken! dann steckt in dieser kindlichen Botschaft eine tiefe Wahrheit, die weit über das vordergründige Verständnis dieser Worte hinausreicht. Ja, der liebe Gott wird ihn wecken auferwecken, wenn die Zeit gekommen ist. Denn der Gott, der mit uns allen mitfühlen kann, weil er die Bitterkeit menschlichen Leids bis zu seinem Tod am Kreuz auf sich nahm, der musste vor diesem Tod nicht kapitulieren. Der hat der Macht des Todes erfolgreich Paroli geboten und sie besiegt. Darum gibt es eine Hoffnung über unser irdisches Leben hinaus für den kleinen Oskar ebenso wie für uns.
Ein Gott, dem es noch schlechter geht
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