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Flügel statt Füße
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, auf beeindruckende Weise erzählt Dorothy Wilson in einem Buch das Schicksal der indischen Ärztin Mary Verghese.
Infolge eines schweren Busunfalls bleibt die junge Frau von der Hüfte an abwärts gelähmt. Noch im Krankenhaus, als sie die schreckliche Diagnose ihrer Querschnittslähmung erfährt, fleht sie Gott um das Wunder ihrer Heilung an. Doch die bleibt aus. Dafür geschieht an anderer Stelle in ihrem Leben Unerwartetes. Obwohl lebenslang auf den Rollstuhl angewiesen, kann Mary Verghese ihren Beruf als Ärztin wieder aufnehmen und sogar schwierigste Operationen durchführen. Ihre Lebensgeschichte trägt daher den bezeichnenden Titel: Um Füße bat ich und ER gab mir Flügel.
Liebe Hörerinnen und Hörer, selbst wenn Ihnen bisher lebensbedrohliche Situationen erspart geblieben sind, kennen Sie vermutlich ähnliche Erfahrungen aus Ihrem eigenen Leben: Da haben Sie sich in einem wichtigen Anliegen im Gebet an Gott gewandt und ihm dabei gleich genaue Vorschläge mit geliefert, wie er Ihre Bitte erfüllen soll. Doch dann geschieht erst einmal gar nichts, und Sie müssen das Schweigen Gottes aushalten. Zweifel kommen in Ihnen hoch: Ob Gott mich wirklich hört? Oder habe ich mir am Ende nur eingebildet, dass er wirklich existiert und mir helfen kann? Enttäuschung über unerhört gebliebene Gebete spricht aus der Bemerkung Rainer Maria Rilkes in dem Brief an einen Freund: Was soll uns dieses Telefon Jesus, in das fortwährend hineingerufen wird: Hallo, wer dort? Und niemand antwortet? Rilke war nach seinen enttäuschend verlaufenen Gebeten überzeugt, dass sich der heiße Draht nach oben als tote Leitung entpuppt: Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Aber auch wem diese enttäuschende Erfahrung erspart bleibt, tut sich häufig schwer mit der Antwort, die Gott auf seine Gebete gibt. Da hat einer ganz schön zu schlucken, wenn er trotz vieler Gebete nicht wieder gesund wird und mit einer lebenslangen Behinderung zu leben hat. Oder wenn ihm trotz intensiven Betens der liebste Mensch genommen wird. In solchen Situationen fällt es schwer zu glauben, dass Gott nicht lieblos und hart ist, sondern uns ein erfülltes Leben gönnt. Es ist ja wahr: Gott nimmt uns nicht alle Lasten aber er gibt uns doch die Kraft, sie tragen zu können. Manches, was wir jetzt an seinen Antworten noch nicht verstehen geschweige denn akzeptieren können, werden wir hoffentlich später einmal im Rückblick als gute Führung Gottes bejahen können. Entscheidend ist, dass wir unser Vertrauen Gott gegenüber nicht aufkündigen und den Gesprächskontakt zu ihm nicht abbrechen lassen.
Damit dies nicht geschieht, lockt uns Jesus in den Evangelien immer wieder, dass wir erwartungsvoll zu Gott beten. Kurz und bündig rät er uns: Bittet, so wird euch gegeben. Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan. Gott bitten, ihn suchen bei ihm anklopfen: Nicht mehr und nicht weniger sollen wir tun und uns dann überraschen lassen, wie Gott unsere Bitte erhört das Gesuchte finden lässt und die zuvor verschlossenen Türen öffnet.
Flügel statt Füße
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