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Sprung am Trapez
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, es gibt viele Begriffe und Bilder, die das Wesen des christlichen Glaubens veranschaulichen und auf den Punkt bringen.
Eins dieser Bilder begleitet mich seit meinem Theologiestudium. Da lernte ich Leben und Werk des großen dänischen Schriftstellers und Theologen Sören Kierkegaard näher kennen. Kierkegaard vergleicht den Glauben häufiger mit einem Sprung, zu dem jeder einzelne in seinem Leben aufgefordert sei. Dieser Sprung in den Glauben hinein sei ein Wagnis, weil es vorab keine Sicherheit geben könne, dabei tatsächlich aufgefangen zu werden und nicht ins Bodenlose zu stürzen. Mich hat dieses Bild vom Sprung immer sehr angesprochen. Es setzt die Bereitschaft zum unabgesicherten Wagnis voraus. Aber ebenso auch den Entschluss, einem andern zu vertrauen, indem ich mein Schicksal in seine Hände lege.
In einem seiner letzten Bücher erzählt der Schriftsteller und Seelsorger Henri Nouwen fasziniert von zwei Trapezkünstlern, die zu der internationalen Zirkustruppe Fliegende Rodleighs gehören und mit denen er Freundschaft schloss. Diese Trapezkünstler, so schreibt er, hätten ihn in ein neues Bewusstsein, was Glaube heißt, katapultiert.
Eines Tages saß Nouwen mit Richard, dem Leiter der Truppe, in seinem Wohnwagen und unterhielt sich mit ihm über seine artistische Kunst. Der sagte: Als Luftspringer, der hoch in der Zirkuskuppel seine Salti dreht, muss ich absolutes Vertrauen auf den haben, der mich auffängt. Das Publikum hält vielleicht mich für den großen Star am Trapez, aber der wirkliche Star ist John, mein Fänger. Er muss für mich im Bruchteil einer Sekunde parat sein und mich aus der Luft angeln, wenn ich in hohem Bogen auf ihn zufliege. - Wie klappt das immer? fragt Nouwen ihn zurück. Nun, sagt Richard,
das Geheimnis besteht darin, dass der Flieger nichts tut und der Fänger alles. Wenn ich auf John zufliege, muss ich bloß meine Arme und Hände ausstrecken und darauf warten, dass er mich auffängt. Das Schlimmste, was der Flieger tun kann, ist nach dem Fänger greifen zu wollen. Würde ich nach Johns Handgelenken greifen, könnte ich sie brechen oder er könnte die meinen brechen, und das wäre für uns beide das Aus. Ein Flieger soll nichts als springen und fliegen, - und ein Fänger nichts als auffangen. Der Flieger muss mit ausgestreckten Armen völlig darauf vertrauen, dass sein Fänger im richtigen Augenblick nach ihm greift!
Liebe Hörerinnen und Hörer, dieses Bild der Trapezkünstler unter der Zirkuskuppel sagt mehr über das Wesen des Glaubens aus als manche gelehrte Abhandlung. Springen fallen aufgefangen werden darum geht es. Eine Vorab-Garantie, dass bei dem Sprung vom Trapez immer alles gut geht, gibt es nicht.
Doch wenn wir vielleicht denken, dass unser Part als Springer der weitaus gefährlichere ist, so belehrt uns der Trapezkünstler Richard eines Besseren: Der wirkliche Star ist der Fänger, ist Gott, der uns mit ausgestreckten Armen im richtigen Augenblick aus der Luft angelt und uns auffängt.
Ja, wir tun uns oft schwer, loszuspringen und uns fallen zu lassen. So wie ein ängstliches Kind das geduldige Zureden seines Vaters braucht, bis es sich traut, von einer Mauer herunter in die ausgebreiteten Arme des Vaters zu springen. Auch wir fragen manchmal zweifelnd oder auch ängstlich: Ist da überhaupt einer, der mich auffängt, wenn ich in meinem Beten erwartungsvoll in seine Arme springe? Oder verhallt mein Gebet unerhört an der Zimmerdecke?
Nein, Garantien und Sicherheiten gibt es keine. Das Wagnis des Sprungs bleibt. Aber bis heute lockt uns Gott mit seinen Zusagen. In einer verspricht er uns: Ich lasse dich nicht fallen und ich verlasse dich nicht.
Sprung am Trapez
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