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Vergeben können
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, im Frühjahr dieses Jahres erschütterte die Nachricht über die Ermordung von 3 Christen in der türkischen Stadt Malatya
die Öffentlichkeit. Unter den von jungen türkischen Nationalisten grausam gefolterten und dann getöteten Männern befand sich der Deutsche Tilman Geske. Seit einigen Jahren lebte der selbständige Lehrer und Übersetzer mit seiner Frau und drei Kindern in der Türkei. Mit ihm starben 2 Türken, die zum Christentum konvertiert waren. Was die 18 und 20jährigen Täter zu diesem brutalen Mord veranlasst hatte, blieb zunächst unklar. Doch war eins der treibenden Motive offensichtlich der Hass auf das Christentum und die Angst, der christliche Glaube könne sich in dem moslemisch geprägten Land ausbreiten. Dabei wurden sie offensichtlich auch Opfer türkischer Medien und islamistischer Fanatiker, die seit Jahren in der Öffentlichkeit ein christliches Feindbild aufbauen und propagieren.
Es wäre nur allzu verständlich gewesen, wenn die Witwe Susanne Geske und ihre Kinder voll Groll und Bitterkeit gegenüber den Mördern die Türkei auf schnellstem Wege verlassen hätten. Doch stattdessen entschloss sich die Familie, in der Türkei zu bleiben. Noch bei der vom türkischen Fernsehen live übertragenen Beerdigung Tilman Geskes auf einem armenischen Friedhof vergab Susanne Geske öffentlich den Mördern ihres Mannes. Sie tat es mit den Worten Jesu, die er am Kreuz seinen Schergen gegenüber aussprach: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!. In einem Interview mit einer deutschen Zeitung erklärte Susanne Geske: Noch heute morgen habe ich mit den Kindern für die Mörder gebetet. Sie tun mir leid, ihr Leben ist ruiniert. Dabei sind sie noch so jung, gerade 18 und 20 Jahre alt.
Liebe Hörerinnen und Hörer, ich weiß nicht, mit welchen Empfindungen Sie so eine Geschichte hören. Gewiss, schon Jesus mutet seinen Anhängern in der Bergpredigt zu: Liebt eure Feinde, und bittet für die, die euch verfolgen.
Wenn wir uns an diesem Gebot orientieren und die unselige Spirale des Wie du mir, so ich dir! durchbrechen wollen, wird allerdings die Frage umso drängender: Woher nehmen wir im Alltag den Willen und die Kraft, gerade den zu lieben und großherzig zu verzeihen, der uns Unrecht getan und übel mitgespielt hat?
Das Beharren auf dem eigenen Rechtstandpunkt führt meistens nur zu verhärteten Fronten. Erst wenn ich selbst den ersten Schritt auf den anderen zugehe und bereit bin, ihm zu verzeihen, können Verständigung und Versöhnung geschehen.
Für manche wird dieser zugegeben ungewöhnliche Schritt erst in dem Moment möglich, in dem er ausdrücklich Gott um die Kraft dazu bittet. Einem anderen hilft vielleicht die Einsicht, dass er mit dem Hass und Groll, die er aufgrund erlittenen Unrechts einem anderen gegenüber empfindet, sich selbst am meisten schadet. So erzählte mir vor einiger Zeit eine junge Frau, dass sie erst dadurch mit ihrem Leben ins Reine gekommen und inneren Frieden gefunden habe, dass sie ihrem Vater vergeben konnte. Sie hatte ihn nach langen Jahren der Trennung besucht und dabei den durch ihn in ihrer Kindheit erlittenen Missbrauch Besuch angesprochen - und ihm dennoch verziehen. Sie fügte hinzu: Ich glaube, mein Vater konnte immer noch nicht nachempfinden, was er mir damals angetan hat. Aber wenn ich weiter darauf bestanden hätte, dass er endlich Abbitte tut, so wäre ich wahrscheinlich bis zum Ende meines Lebens die Bitterkeit meines Herzens nicht mehr losgeworden.
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