Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.08.07, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Vergeben, nicht vergessen

Wir waren aus der Pubertät heraus und dachten, wir wären erwachsen. Wir liebten Partys, die wir Feten nannten und wenn man richtig abgerockt hatte,

kam immer die Zeit für „Blues“. Das war eigentlich gar kein Blues, aber das war egal. Hauptsache, man konnte minutenlang eng umschlungen mit einer schönen Frau im Halbdunkeln verbringen. Zu Santanas Samba Pa Ti zum Beispiel.

Musik: Samba Pa Ti, aus Santana, LC-Nr. 0162

Neulich habe ich eine alte Liebe wiedergetroffen. Zufällig. Auf dem Duisburger Hauptbahnhof. Beim Umsteigen. Sie wollte weiter nach Amsterdam. Ich nach Köln. Wir haben uns sofort wiedererkannt. Und hatten alles wieder im Kopf: Mit 17 waren wir „zusammen“. Damals hieß das noch: „wir sind zusammen gegangen“. Und nun standen wir uns auf dem Bahnhof gegenüber, fast 30 Jahre später. Sofort waren sie wieder da: Die Erinnerungen an damals, erste Liebe, die Feten, die Musik. Damals: Unsere Musik.

Musik: Samba Pa Ti, aus Santana, LC-Nr. 0162

Und natürlich auch Erinnerungen, wie hässlich dann alles auseinander ging. Unreife Heranwachsende. Ohne Sensibilität und Wissen, wie man sich respektvoll voneinander trennen kann. Alte Verletzungen tauchen plötzlich wieder in der Erinnerung auf. Ob man sich noch böse ist? Ob man sich noch immer für so naiv hält, wie man damals wohl gewesen ist? Jetzt hatten wir 20 Minuten Zeit, - bis zum nächsten Intercity. 20 Minuten zu erinnern und zu reden. Kurzes Abklopfen: „Was ist denn aus Dir geworden?“ Dann aber schon zum Eigentlichen: „Warst du mir damals sehr böse?“ „Und du –  fandest du mich sehr doof?“„Ach, weißt du,...“

Menschen, die sich sehr nahe sind, können sich besonders nachhaltig kränken. Und wer den Schutzpanzer ablegt und jemanden nahe an sich heranlässt, ist leicht verletzbar. „Weißt du“ sagt sie zu mir, „Das hat mir alles damals sehr weh getan. Ich wollte dich nie mehr wiedersehen. Und dann wollte ich einfach alles vergessen. Aber das ging auch nicht.

Und“, sagt sie „ich glaube inzwischen, das Geheimnis, mit der Vergangenheit klarzukommen, heißt: Wir brauchen gar nicht zu vergessen, was gewesen ist. Und sollten auch nicht vorschnell „Schwamm drüber“ sagen: Wir müssen das Vergeben lernen. Nicht nur, weil wir damals jung und unreif waren. -  Wenn wir vergeben, dann lassen wir all das Schlechte, all die Kränkungen kein Hindernis mehr zwischen uns sein.

Ich wollte einfach nicht“, sagte sie, „dass die Schattenseiten all das schöne, das wir mit einander erlebt haben, auf ewig belasten. Und deshalb habe ich dir schon lange vergeben. Und du mir hoffentlich auch!“ Wir nickten uns dankbar zu. Vergebung versöhnt mit der Vergangenheit. Vergebung schenkt neues Leben. Als mein Zug losfuhr, winkte sie mir nach.

Musik: Samba Pa Ti, aus Santana, LC-Nr. 0162

 

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