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Globalisierung
Still ist es um ihn geworden, um das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Auch bei uns, wo er vor zwanzig Jahren noch zu den großen Identifikationsfiguren der Friedensbewegung
zählte. Der Dalai Lama. Dieser Tage hat er sich wieder aufgemacht nach Deutschland. Und will von sich reden machen. Sein Thema: die globalisierte Welt und das Mitgefühl. Zugegeben: das klingt zuerst mal moralisierend und unpolitisch. Zumal die globalisierte Welt bei uns auf breites öffentliches Interesse nur dann stösst , wenn wie vor einigen Wochen beim G8-Gipfel in Heiligendamm, Polizei und Demonstranten auf Konfrontationskurs gehen.
Dennoch hat kaum eine Frage seit dem Ende des Kalten Krieges auch ernsthafte politische Gemüter jedweder Couleur so erhitzt wie die, ob man für oder gegen die Globalisierung sei. Kritische linke Intellektuelle bekämpfen sie im Namen einer nicht näher definierten Gerechtigkeit und stören sich kaum daran, dass sie sich dabei urplötzlich in der Nachbarschaft neofaschistischer Idioten wieder finden könnten, denen im global village ihr verstaubter Nationalstaat abhanden gekommen ist.
Und mit gleicher Inbrunst wie die Kritiker von links und rechts stimmen die so genannten Befürworter der Globalisierung Psalmen zum Lobe des weltweiten Marktes an, unter dessen Wunderheilkraft Armut, Krieg, Krankheit und überhaupt alles Elend in der schönen neuen Welt verschwinden - nicht heute, aber demnächst.
Nun macht es einem natürlich die Globalisierung auch nicht leicht. Die schreiende Armut in Afrika ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die rücksichtslose Ausplünderung der ökologischen Reserven ist ein krimineller Anschlag auf noch ungeborene Generationen. Und dass in meiner Heimatstadt Duisburg, mitten im reichsten Zehntel der Weltbevölkerung, 25 Prozent der unter 18-jährigen Kinder und Jugendlichen von staatlichen Unterstützungsleistungen leben, hat sehr wohl etwas mit Globalisierung zu tun und nicht nur mit individuellen Defiziten.
Wenn ich auf der anderen Seite lese, dass in Kalkutta, wo vor wenigen Jahren noch Mutter Teresa das Elend bekämpfte, mittlerweile der Wohlstand boomt, und dass die Ingenieure und Techniker aus Südamerika und Fernost mindestens so gut ausgebildet sind wie die unsrigen hier dann fällt mit ein, dass wir doch genau das vor zwanzig Jahren auf Kirchentagen und Friedensdemos gefordert haben.
Wenn ich mir dann zugleich auch wieder klar mache, dass in Kalkutta noch immer auf offener Straße gestorben wird und die Profis aus der Dritten Welt viel schlechter bezahlt werden als unsere, dann glaube ich erst recht, dass man mit Ideologie, welcher Art immer, beim Globalisierungsthema ungefähr so weit kommt, wie wenn man gegen das Wetter ist.
Viel hilfreicher scheint mir da der auf den ersten Blick so unpolitische Zugang des Dalai Lama zu sein: Mitgefühl in der globalisierten Welt. Wenn es nämlich darum geht, Globalisierung verantwortlich zu gestalten, dann ist dies, schon der Natur der Sache nach, eine Frage an die Menschheit insgesamt. Die wird sich aber bis ans Ende ihrer Tage weder über politische Programme noch über neoliberale Wirtschaftskonzepte definieren. Übers Mitgefühl hingegen schon eher. Mit dem leidenden Menschen mitzuleiden das ist menschlich. Das ist im Übrigen auch biblisch. Und da überall auf dieser Welt immer auch gelitten wird, sollte das Mitleid der entscheidende Globalisierungstatbestand sein.
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