Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.07.07, 8.56 Uhr, Dr. Rainer Neu

Kinder und religiöse Erfahrung

Kinder können religiöse Erfahrungen spontan und beiläufig machen. Sie sind sich selber kaum bewusst, um was für eine Art von Erfahrung es sich dabei handelt.

Für sie ist es natürlich und selbstverständlich. Unter Kindern treten religiöse Erfahrungen weitaus häufiger auf als unter Erwachsenen. Wohl ein Drittel aller Kinder hat sie bereits einmal oder wiederholt gemacht. Und sie können sich ein Leben lang daran erinnern. Manche Kinder müssen aber damit leben, dass ihre soziale Umwelt solche Themen nicht anspricht oder – falls doch die Rede einmal darauf kommt – sie abwehrt oder sich darüber lustig macht. Selbst religiös aufgeschlossene Erwachsene sind geneigt, Berichte von Kindern über religiöse Erlebnisse als Phantasien und Einbildungen abzutun. Wo Gesprächspartner fehlen, schieben Kinder mit der Zeit das Erlebte als irrelevant beiseite.

Anderen Kindern mangelt es an Worten und Begriffen, um über solche Erfahrungen reden zu können. Da immer mehr Kinder ohne eine religiöse Erziehung aufwachsen, da ihnen biblische Geschichten, Bilder und Symbole weitgehend unbekannt bleiben, fehlt ihnen eine entsprechende Vorstellungswelt und Sprache.

Eine erwachsene Frau beschreibt ein solches Erlebnis aus ihrer Kindheit. Sie saß als neunjähriges Mädchen eines Tages mit einem Geschwisterchen im Garten. „Plötzlich passierte das Ding und es kann, wie jeder weiß, mit Worten nicht beschrieben werden. Der Satz aus der Bibel ‚Ich sah den Himmel offen’ taugt soviel wie irgendein anderer, wenn man ihn nicht wörtlich nimmt. Ich erinnere mich, dass ich zu mir selber – in Ehrfurcht und Verzückung – sagte: ‚So ist das also. Jetzt weiß ich, wie der Himmel aussieht und was sie in der Kirche meinen.’ Die Worte aus dem 23. Psalm kamen mir in den Kopf und ich fing an sie mir zu wiederholen. ‚Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser.’ Bald verblasste es und ich war allein auf der Wiese mit dem Baby und den süß duftenden Lindenbäumen. Aber obwohl es vorbei war und mir nur die irdische Schönheit blieb, war ich mit großer Freude erfüllt. Ich hatte die weite Ferne gesehen.“

Da ist etwas geschehen, das die Frau auch Jahre später nur mit unbeholfener Sprache ausdrücken kann. Fast abwehrend nennt sie es „das Ding“. Ihre Worte bleiben nüchtern. Sie beschreibt nicht wirklich, was sie gesehen hat. Sie zitiert einige vertraute Worte aus der kirchlichen Tradition. Diese Frau hat als Kind etwas Überwältigendes erlebt, etwas, das ihr ganzes Leben geprägt hat und das sie Jahre später niedergeschrieben hat. Sie hat es als Kind erlebt, also ohne dass sie sich diese Dinge angelesen haben könnte, ohne dass sie vermutlich in irgendeiner Weise auf eine solche persönliche Erfahrung vorbereitet war.

Und doch war sie in einer Hinsicht darauf vorbereitet: Ihr waren biblische Bilder und Begriffe vertraut, mit denen sie das selbst Erlebte in Worte fassen konnte. Die religiöse Erziehung hatte ihr vermittelt, was man braucht, um religiöse Erfahrungen zu verarbeiten.

Ihre Umschreibungen mögen das eigene Erlebnis nur andeutungsweise widerspiegeln. Doch diese Hinweise genügen, die erlebte Schau in Erinnerung zu behalten und auch anderen Menschen zumindest bruchstückhaft mitzuteilen. Noch Jahre später erinnert sich die Frau an‚die große Freude’: Sie hat den Himmel offen gesehen.

Audiobeitrag Kinder und religiöse Erfahrung


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