Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.07.07, 8.56 Uhr, Dr. Rainer Neu

Sich verpflichten

Es ist eine dumme und gedankenlose Angewohnheit, wenn Menschen jeden dritten Satz mit der Floskel einleiten „ich schwöre“.

Nun werden in der arabischen und türkischen Sprache solche Redewendungen gerne verwendet und von dort dringen sie seit einiger Zeit auch verstärkt in den deutschen Sprachgebrauch ein. Aber für einen gläubigen Muslim ist der gedankenlose Gebrauch einer solchen ernsten Aussage genauso ärgerlich wie für einen Christen. Er klingt gotteslästerlich. Überhaupt sollte man mit Schwüren, Eiden und Selbstverpflichtungen sparsam umgehen, sonst verlieren sie ihren Wert. Wer ständig beteuern muss, dass er die Wahrheit sagt, erzeugt den Eindruck, dass er ansonsten häufig lügt. Darum: Wer ernst genommen werden will, sagt grundsätzlich die Wahrheit. Dazu bedarf es keiner Beteuerung und erst recht keines Schwurs. Für den aufrichtigen Menschen gilt die alte Regel aus der Bibel: „Ihr sollt nicht schwören. Eure Rede sei ja oder nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

Doch über diese nüchterne Forderung nach Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit haben wir in der westlichen Welt häufig vergessen, wie wertvoll eine ernsthafte Absichtserklärung oder einer Selbstverpflichtung sein können.

Es kann so wohltuend sein, wenn ein Mensch sagt: „Ich verspreche dir, dieses oder jenes zu tun“. „Ich fühle mich verpflichtet, für dieses oder jenes zu sorgen“. „Du kannst mir glauben, ich werde dir treu sein:“

Ein solcher Satz verleiht einer Beziehung eine besondere Qualität. Er ermöglicht Vertrauen, gegenseitigen Respekt, verschafft Sicherheit und eine harmonische Zusammenarbeit. Eine Absichtserklärung setzt etwas in Bewegung.

Das wusste man in früheren Jahrhunderten besser als heute. Man glaubte, dass in einem ehrlichen Versprechen bereits ein Teil seiner Verwirklichung liegt. Wer seine Absicht glaubhaft und öffentlich erklärt, hat bereits den ersten Schritt zu ihrer Verwirklichung getan. Jede Wahrheit ist aus sich heraus wirkkräftig. Einmal geäußert, hat sie die Welt bereits ein Stück wahrer gemacht. Wer aufrichtig etwas verspricht, setzt etwas in Bewegung. Ein guter Vorsatz ist der erste Schritt zu seiner Verwirklichung.

Im Altertum war man sich dieser Tatsache stärker bewusst. Auch im Islam wird diese Einsicht bis heute sehr ernst genommen. Ehe ein Muslim betet, erklärt er vor Gott seine Absicht ein Gebet zu verrichten. Ähnlich verhält er sich vor dem Beginn eines Fastens oder vor Antritt der großen Wallfahrt nach Mekka. Zu einem ernsthaften Tun gehört, dass ich mich vorher selber zu diesem Handeln verpflichte. Auch im Alten Testament begegnen uns feierliche Versprechen häufig. Manchmal wird noch ergänzt: Wenn ich mich nicht an dieses Versprechen halte, soll mir dies oder jenes geschehen. Wer so redet, nimmt es mit seinen Vorsätzen ernst.

Jeder kann ausprobieren, wie nützlich eine solche Selbstverpflichtung ist. Der gute Vorsatz zu fasten, das Rauchen aufzugeben, eine schlechte Gewohnheit abzulegen oder etwas Gutes zu tun, fallen leichter, wenn man zuvor – möglicht vor Verwandten oder Freunden – seine Absicht dazu erklärt hat. Man fühlt sich umso stärker an seinen Vorsatz gebunden.

Ein aufrichtiger Mensch redet die Wahrheit und braucht dies nicht sonderlich zu beteuern. Wer sich jedoch etwas Besonders vornimmt, sei es seinen Mitmenschen oder Gott gegenüber, der kann und sollte dies vorher laut aussprechen. Die Verwirklichung seiner Absicht wird ihm umso leichter fallen.

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