Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.07.07, 8.56 Uhr, Dr. Rainer Neu

Übertreibungen

Ich habe ein paar Tage in einem Kloster gelebt. Gerne habe ich mich in den Tagesablauf der Mönche eingefügt, an ihren Gottesdiensten und Gebetszeiten teilgenommen –

aber schwer fiel mir das Schweigen. Besonders in den Abendstunden hätte ich gerne mit jemandem über die Erfahrungen des Tages geredet.  Die Mönche begründeten ihr Schweigen mit Worten aus der Bibel: „Wo viel Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab; wer aber seine Lippen im Zaum hält, ist klug“ [Spr 10,19].“ Und: „Ich will auf meine Wege achten, damit ich mich mit meiner Zunge nicht verfehle. Ich stelle eine Wache vor meinen Mund“ [Psalm 39, 2f.].

Als ich mich an die Ruhe des Klosters gewöhnt hatte, die schweigenden Gesten und kurzen Sätze, wurde mir bald bewusst, wie überflüssig und übertrieben viele Worte sind, die wir im Alltag gebrauchen. Unsere moderne Umgangssprache liebt Übertreibungen und wirkt bisweilen theatralisch. Wir gebrauchen starke Worte in unserer nicht unbegründeten Furcht, dass uns keiner zuhört, wenn wir nicht mächtig auf die Pauke hauen. Man verpasst den Bus und ärgert sich ‚wahnsinnig’. Beim Italiener an der Ecke gibt es eine ‚gigantische’ Pizza. Dazu wird ein ‚kolossaler’ Rotwein gereicht.

Gerne greifen wir zu subtilen Steigerungen, wenn es uns nicht gut geht. Ein Schnupfen wird zur Grippe und Kopfschmerzen geraten zur Migräne. Ein beschleunigter Puls wird zum Herzrasen und wer einmal erst nach eine Stunde eingeschlafen ist, hat die ganze Nacht kein Auge zugetan. Am Tag darauf fühlt er sich bedrückt, spricht von einer Depression, ach was, von Depressionen. Alles in der Hoffnung Aufmerksamkeit für sich zu wecken.

Die Neurowissenschaft hat für dieses Sprachverhalten eine einfache Erklärung: Unser Gehirn liebt Übertreibungen, da auf diese Weise bestimmte Dinge überdeutlich werden. Übertriebene Darstellungen suggerieren den Eindruck eines bedeutsamen Inhalts. Doch dieses Stilmittel flacht rasch ab. Übertreibungen haben die lästige Neigung sich abzunutzen. Es müssen dauernd frische und schärfere Steigerungen gefunden werden.

Damit schadet sich der Redner selber. Übertreibungen, häufig gebraucht, wirken unglaubwürdig. Darum heißt es in der Bibel: „Ich stelle eine Wache vor meinen Mund“. Ein eindrückliches Bild! Ich beobachte mich einmal selber beim Sprechen. Ich gebe acht, wie ich meine Aussagen formuliere. Wie und an welchen Stellen ich Übertreibungen einfließen lasse. Wann ich – bewusst oder unbewusst – Aussagen zu meinen Gunsten steigere. Oder zu Ungunsten anderer einfärbe. Wie ich mit Worten manipuliere. Denn „wo viel Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab“.

In den Regeln der Mönche heißt es deshalb in aller Strenge. „Albernheiten aber, müßiges und zum Gelächter reizendes Geschwätz verbannen und verbieten wir für immer und überall. Wir gestatten nicht, dass der Jünger zu solchem Gerede den Mund öffne.“

Im Alltag können wir nicht schweigen und wollen auch auf ein Lachen nicht verzichten. Aber unsere Rede soll einfach, wahrhaft und aufrichtig sein. ‚Wahrhaft und aufrichtig’ – die Worte klingen altbacken, aber der gemeinte Inhalt ist hochaktuell: Geradeheraus und ohne Umschweife reden. Ohne Übertreibungen und künstliche Steigerungen. Die Sachen so benennen, wie sie sind. Das macht eine Aussage verständlich und glaubwürdig und den Redner vertrauenswürdig. Das ist ein Beitrag zum sechsten Gebot: „Du sollst nicht lügen!“

Audiobeitrag Übertreibungen


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