Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.07.07, 7.50 Uhr, Dr. Rainer Neu

Unterwegs sein

Urlaubszeit – Reisezeit. Die Reisewelle rollt – und vielleicht sind auch Sie heute Morgen unterwegs.„Unterwegs sein“ –

für manchen ein notwendiges Übel und er versucht so schnell wie möglich an sein Ziel zu gelangen. Doch Vorsicht: Mit der Eile verlieren wir das Gefühl für die Landschaften, die wir durchqueren und die uns dem Ziel näher bringen. Nur wer langsam und achtsam reist, findet seinen eigenen Rhythmus. Nur wer den Weg bewusst in sich aufnimmt, kann ihn mit seinen Wahrnehmungen abstimmen. Er gestaltet die Gebiete, die der durchreist, mit seinen Gedanken. Er macht sich den Weg zu eigen.

Das Glück des Reisens besteht schon im Suchen, nicht allein im Finden. Reisen bedeutet nicht allein ‚anzukommen’, sondern zunächst einmal ‚unterwegs zu sein’. Sich aus dem gewohnten Alltag aufmachen und in eine unbekannte Fremde aufbrechen, dass ist der Reiz, das Abenteuer des Reisens. Wir brauchen einen Tapetenwechsel, sehnen uns nach einer kreativen Pause, wollen das Gefühl loswerden auf der Stelle zu treten. Für eine gewisse Zeit wollen wir unseren Alltag loswerden und Neues erleben. Die Sehnsucht nach einer anderen Umgebung, die sich von unserem Lebensalltag unterscheidet, treibt uns in die Ferne. Wir können entdecken, wer wir wirklich sind. Reisen bildet nicht nur, wie man gerne sagt. Reisen verändert auch. Reisen schafft Möglichkeiten anderen Menschen zu begegnen. Reisen führt uns in unvorhersehbare Situationen, in denen wir uns selbst von einer ganz neuen Seite kennen lernen. Solche Reisen müssen nicht in die große Ferne führen. Der einsame Spaziergang im Wald und am Strand oder das Kennenlernen anderer Menschen kann zu ungewohnten und beglückenden Begegnungen führen.

Auf Reisen kann man lernen, die äußere Welt nicht von der inneren zu trennen. Wer sich auf den Weg macht, muss eine Sehnsucht oder gar eine Vision haben, muss sich ein Ziel setzen, muss eigene Mauern niederreißen und sich eine neue Welt eröffnen. Zuhause fühlen wir uns geborgen und beschützt. Auf Reisen mag Unsicherheit entstehen, doch dadurch entdeckt man seine verborgenen Seiten und Fähigkeiten. Reisen bietet uns eine Chance alte Gewohnheiten abzulegen, nicht zuletzt Denkgewohnheiten.

Wir erschließen neue Räume – auch in uns selbst. Das ermöglicht uns, neue Zugänge zur Welt und eine neue Spiritualität zu entwickeln. Auf neuen Wegen entdecken wir ein Stück mehr von uns und von Gott. Menschen, die viel reisen, sind selten gottlos. Sie erfahren ihn auf ihren Wegen. Unglaube ist ja oft nur ein Mangel an Gelegenheit den Glauben zu erfahren. Wer unterwegs ist, erlebt immer wieder Schutz und Geborgenheit. Ein Weg, der ihm einladend entgegenkommt. Die Sonne, die ihn anlacht. Wind, der seinen Rücken stärkt. Begegnung mit hilfreichen und liebevollen Menschen und Gottes freundliche Führung - wie es in einem alten irischen Reisesegen heißt:

Möge dein Weg dir freundlich entgegenkommen,
der Wind dir den Rücken stärken,
die Sonne dein Gesicht hell und glänzend machen,
der Regen dir sanft die Felder tränken,
und bis wir beide uns wiedersehen, du und ich,
möge Gott dich schützend in seiner Hand halten.

Audiobeitrag Unterwegs sein


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