Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.07.07, 7.50 Uhr, Dr. Rainer Neu

Wo ist mein Kind jetzt?

Vor einer Reihe von Jahren rief mich eine junge Frau an. Sie sprach leise und traurig und bat mich um einen Besuch. Sie war schwanger gewesen,

hatte sich mit ihrem Mann auf das Kind gefreut (es wäre das dritte gewesen), eine Ultraschalluntersuchung beim Arzt und plötzlich die Auskunft: das Kind im Mutterleib ist tot. Die junge Mutter stand mit ihrem schweren Verlust allein. Ihre nächste Umgebung verhielt sich, als wäre gar nichts geschehen. Einen Tag später saßen wir uns bei ihr zuhause gegenüber. Sie hatte ihr Kind nie gesehen. Es war im fünften Schwangerschaftsmonat. Die Schwestern hatten das Totgeborene fortgebracht.

 Ruhig, aber bestimmt fragte mich die junge Frau: „Wo ist mein Kind jetzt?“ Ich erzählte von Einäscherung und Beisetzung in einem anonymen Sammelgrab. Doch ich spürte, wie meine Worte sie nicht erreichten. So konnte ich ihr das verlorene Kind nicht wieder nahe bringen. Die nie vollendete Schwangerschaft hatte eine Lücke hinterlassen, die durch das plötzliche Verschwinden des Totgeborenen noch schlimmer wurde.

 Damals waren Ärzte und Hebammen zumeist geneigt, das tote Kind möglichst schnell und unauffällig beiseite zu schaffen Sie meinten es vor der Mutter verbergen zu müssen. Nur manche waren bereit, sich dem toten Baby und dem ausgelösten Schmerz zuzuwenden. Manche Frauen wollten es auch gar nicht sehen. Doch dann stellte sich irgendwann die Frage: „Wo ist mein Baby geblieben? Wie hat es ausgesehen?“

 Inzwischen haben die meisten Kliniken einen neuen Weg eingeschlagen. Nach einer Totgeburt können Mütter am folgenden Tag in aller Ruhe ihr Baby ansehen. Auch der Vater, Großeltern, Freunde oder ältere Geschwister sind dabei erwünscht.

 Manchen macht dieses Angebot zunächst Angst: Kann ich das aushalten? Ist das nicht ganz fürchterlich? Die übereinstimmende Erfahrung ist: Die Realität ist erträglich – verglichen mit den Vorstellungen von ihr.

 Die Eltern sehen die feinen Händchen, den dunklen Haarschopf, die Füßchen, die Stupsnase. Sie sehen das Gelungene an diesem Schöpfungswerk. Die Eltern sehen, berühren oder streicheln – und irgendwann gehen sie weg. Weinend, gewiss; doch es sind die ungeweinten Tränen, die krank machen.

Manche mögen ihr totes Baby nicht anschauen, weil sie fürchten, sie könnten es danach nicht mehr hergeben. Aber die Wirklichkeit ist anders: die Ruhe, die das tote Kind umgibt – das ist so eindrücklich, dass nach wenigen Minuten in den Herzen der Eltern Ruhe einkehrt: Hier ist nichts zu tun; hier bleibt nur loszulassen, Abschied zu nehmen von dem Kleinen und von dem, was es im Leben seiner Eltern bedeutet.

 Eltern und Großeltern betreten einen kleinen Raum, in dem das tote Kind liegt, in ein blaues Tuch gehüllt. Die junge Frau geht mit einer stillen, klaren Entschlossenheit auf das Bündel zu, schlägt behutsam das Tuch zurück.

Dies ist einer der eindrücklichsten Momente für die verwaisten Eltern: kein Hauch von Leben. Es herrscht Klarheit: Dieses Kind ist tot. Da ist keine Täuschung mehr möglich. Unser kleines Kind, es war lebendig. Zugleich ist da viel Bewunderung. Gegenseitig machen sie sich auf die winzigen Finger aufmerksam, auf die schmalen Ärmchen, die großen Füße, den dunklen, dichten Haarschopf. Doch: Unser Kind hat ns verlassen, ehe es ganz bei uns war. Das macht alle traurig, alle weinen. Aber keiner ist mit dem Kummer allein, sie können sich gegenseitig beistehen. Dann deckt die junge Frau das Kleine wieder zu und wendet sich zum Gehen. Sie hat alles gesehen, im Herzen ist Ruhe eingekehrt.

Am nächsten Tag sagt die Mutter: „Das feine leise Lächeln, das das Kleine um den Mund gehabt hat, ein Lächeln, als ob es uns trösten wollte.“

Audiobeitrag Wo ist mein Kind jetzt?


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen