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Entdeckungsreisen
Es gehört zu dem Schlimmsten, was auf einer Reise passieren kann: Das Kind geht verloren. Grausame Gedanken schießen den Eltern durch den Kopf: War es ein Unfall?
Eine Entführung? Und dann die Frage nach der Verantwortung. Habe ich nicht genügend aufgepasst? War es die Schuld des Partners? Nicht selten entlädt sich die Angst in gegenseitigen Vorwürfen.
Die kleine Familie war mit einer Reisegesellschaft unterwegs gewesen. Eine Städtereise in Israel. Natürlich hatten sie sich gefragt, ob das nicht zu gefährlich sei. Aber der Junge war schon zwölf, und das Osterfest in Jerusalem würde unvergesslich für ihn sein. Sie selbst kannten das schon von einer früheren Reise. Bei der Weiterfahrt zu den anderen heiligen Stätten musste es passiert sein. Die Gesellschaft war schon auf dem halben Weg nach Nazareth, als die Eltern das Fehlen des Jungen bemerkten. Hatten sie ihn nicht einsteigen gesehen? War er nicht bei den anderen Jugendlichen gewesen?
Der Vater versuchte zu scherzen: Bestimmt guckt er sich noch eine Sehenswürdigkeit an. Vielleicht den Tempelberg. Die Mutter starrte ihn an. Schwieg. Schaute weg. Ich mein ja nur. Unser Herr Sohn ist in letzter Zeit ganz schön selbständig geworden. Aber der Vater glaubte selbst nicht wirklich an die Idee, dass ihr Junge wieder einmal den Aufstand probte. Nicht hier, in Palästina.
Die Eltern hatten sich von der Reisegruppe trennen müssen, die ihr Programm weiter durchzog. Sie hatten die Ordnungskräfte verständigt und waren nach Jerusalem zurückgekehrt. Auf dem Weg kam der Mutter ein abgründiger Gedanke. Wie wäre es eigentlich, wenn ihr Mann Recht hat? Wenn der Junge sich tatsächlich abgesetzt hat? Um rücksichtslos sich selbst und seine Sprachkenntnisse zu erproben. Ohne einen Gedanken an ihre Sorge zu verschwenden. Wie kränkend wäre das. Der Mutter graute, als sie spürte, dass ihr ein Unfall fast lieber wäre.
Sie biss sich auf die Lippen und schwieg. Hatte ihr Mann ähnliche Gedanken? Reden konnten sie jedenfalls nicht miteinander. Im Schweigen bohrte ein Schuldgefühl in der Mutter: Hatte sie mit ihrem Gedanken das Schicksal des Jungen besiegelt? Würde es zwischen ihr und ihm je wieder so sein können wie früher? Als sie ihn entdeckten, schrie sie ihn an: Mein Sohn, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Der Vater schwieg. Der Junge schaute sie verständnislos an, als ob er fragen wollte, warum sie ihn überhaupt gesucht hätten. Ob sie nicht wüssten, dass er irgendwann seinen eigenen Weg gehen müsse.
Dann hatten die Eltern geweint. Erleichtert, aber auch erschrocken. Es würde tatsächlich nie wieder so sein wie früher. Der Junge hatte begonnen, erwachsen zu werden und sich von seinen Eltern abzulösen. Auch wenn er ihnen am Abend gehorsam nach Nazareth folgte. Der Junge hieß Jesus. Seine Geschichte wird im zweiten Kapitel des Lukasevangeliums erzählt.
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