Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.07.07, 5.56 Uhr, Dr. Sven Keppler

Luxuspilgern

„Ich bin dann mal weg“ – dieser Satz ist zu einem geflügelten Wort geworden. Egal, ob jemand in Urlaub fährt oder sich ins Kino verabschiedet:

Augenzwinkernd wird Hape Kerkelings Bestseller zitiert. Dieses Buch hat das Pilgern auf dem Jakobsweg wieder populär gemacht. Aber nicht nur das. Vor allem hat Kerkeling es geschafft, dass man mit gutem Gewissen auf dem Weg sein kann – selbst wenn man es sich dabei auch mal gut gehen lässt. Muss es wirklich der spartanische Schlafsaal sein, wenn nebenan ein hübsches Hotel steht? Und ist nicht auch mal eine Etappe mit dem Bus erlaubt, wenn die Füße zu doll schmerzen? Der Hape hat’s doch auch nicht immer so eng gesehen!

Mir selbst tut diese Großzügigkeit gut. Vor drei Jahren sind meine Frau und ich in Dortmund losgewandert. Über Köln und Aachen haben wir mittlerweile Frankreich erreicht. Immer in Wanderungen von einigen Tagen, die wunderbare Inseln im Alltag sind. Viel Zeit zum Reden haben wir gehabt. Die Natur und den Körper ganz neu erfahren. Und die Abende und Nächte in hübschen, kleinen Hotels und Pensionen am Weg verbracht.

Meistens ging das auch gar nicht anders. Gerade in Belgien konnten wir froh sein, wenn es überhaupt eine Gelegenheit zum Übernachten gab. Wir durften nicht wählerisch sein und mussten den Komfort akzeptieren. Aber immer ein bisschen mit schlechtem Gewissen: Ist das nicht Luxuspilgern? Von diesen Skrupeln hat uns Hape Kerkeling nun erst mal befreit.

Dachte ich. Aber dann hörte ich die Geschichte von Alexius. Er gilt als Schutzpatron der Pilger. Sein Gedenktag ist heute, am 17. Juli. Alexius lebte vor 1.600 Jahren in einer schwerreichen römischen Familie. Bestens ausgebildet, heiratete er eine kaiserliche Prinzessin. In der Hochzeitsnacht floh er jedoch bis ins hinterste Anatolien. Dort lebte er siebzehn Jahre lang als Bettler vor einer Kirche. Von den Almosen, die er bekam, gab er alles weiter, was er nicht unbedingt zum Überleben brauchte.

Als man ihn dort als Heiligen verehren wollte, floh er erneut. Er kam zurück in sein Elternhaus, wo ihn niemand mehr erkannte. Er wurde als Pilger aufgenommen und lebte von den Essensresten der Familie. Erst nach seinem Tod gab er sich durch einen Brief zu erkennen. Im ersten Moment machte mich diese Geschichte verlegen. Was hätte dieser Mann zu uns Luxuspilgern gesagt? Wenn es in einem Ort nur ein schönes Hotel gegeben hätte, dann hätte er wahrscheinlich vor dessen Tür geschlafen. Und sich nicht dankbar am Menu gestärkt.

Aber auf der anderen Seite geht jeder Pilger seinen eigenen Weg. Der junge Alexius floh vor sich selbst. Vor seiner reichen Familie. Vor seiner großen Persönlichkeit, die ihn erst zum Schwiegersohn des Kaisers und dann zu einem Heiligen machte. Erst nach langen Umwegen fand er zurück zu seiner Familie. Und erst kurz vor seinem Tod konnte er sich in dem Brief zu dem bekennen, der er war: Ich bin Alexius, euer Sohn. Jeder Pilger, jeder Mensch wird seinen eigenen Weg geführt. Wenn es ein komfortabler Weg ist – nun gut. Ich spüre jedoch, wie in den Hotelbetten langsam eine Sehnsucht gewachsen ist. Die Sehnsucht nach einem schlichten Bett. In einem Saal voller Fremder. Lauter Menschen, die ebenfalls auf dem Weg sind.

Audiobeitrag Luxuspilgern


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen