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Doping
Jetzt rollen sie wieder, reißen aus, müssen abreißen lassen, sprinten, klettern, treiben die Einschaltquoten am Fernseher hoch,
und heute am späten Nachmittag steht im Örtchen Tignes die erste Bergankunft der diesjährigen Tour de France an. Das nach Fußballweltmeisterschaft und Olympischen Spielen drittgrößte Sportereignis hat offenbar nichts oder jedenfalls nicht viel von seiner Anziehungskraft verloren.
Der landläufige Radsportfan ist heutzutage ohne weiteres in der Lage, sowohl live an der Strecke wie auch im heimischen Fernsehsessel das stunden-lange Warten auf den finalen Countdown mit zynischen Sprüchen über strampelnde Athleten als rollende Apotheken zu überbrücken um schon im nächsten Moment die schweißtriefenden Helden an 15-prozentigen Steigungen förmlich zum Gipfel zu brüllen.
Der Widerspruch zwischen Verachtung und Begeisterung ist nicht neu. Schon vor rund fünfzig Jahren gab der fünffache Toursieger Jacques Anquetil zu Protokoll, dass solche Leistungen nicht nur mit Mineralwasser zu erreichen seien. Der gottähnlichen Verehrung, die er bis zu seinem Tod in Frankreich genoss, tat dies keinerlei Abbruch. Seitdem ist der Kampf gegen und die öffentliche Berichterstattung über Doping ins vergleichsweise Unermessliche gewachsen. Damit hat man freilich nicht erreicht, dass der Medikamentenmissbrauch zur künstlichen Leistungssteigerung aufhört, sondern nur, dass noch nie so viel und so dreist öffentlich gelogen wurde wie im heutigen Leistungssport. Selbst die so genannte Geständniswelle, die waggonweise reumütige Ex-Idole vor die Kamera spült, ist nicht frei von dem Verdacht, ein gut platziertes Manöver gewesen zu sein, das jetzt zur Tour de France das Geschäft mit der Begeisterung für die Helden der Landstraße ungestört und wie alle Jahre wieder weiter laufen lässt.
Der Bedarf an Idolen ist hoch. Und wenn sie ihre Staunen erregende Aura verlieren und als stinknormale Betrüger im Regen stehen, fällt uns der Abschied erstaunlich schwer. Denn es muss immer einer da sein, ders schneller, höher und stärker kann.
Schneller, höher, stärker das ist auch das Motto der Olympischen Spiele, also einer Veranstaltung, die auf das antike Griechenland zurückgeht. Dort traf man sich alle vier Jahre, um in feierlichen Wettspielen die Götter zu ehren, und die Bewunderung für die Sieger war zugleich Ausdruck des Dankes dafür, dass die Ewigen die Sterblichen mit so vielen Gaben und Be-gabungen beschenkt hatten.
Davon ist heute keine Rede mehr. Der Zwang zur im wahrsten Sinne des Wortes übermenschlichen Leistung, die eben nur mit künstlichen Mitteln erzeugt werden kann, spiegelt unsere Sucht, mehr als ein Mensch zu sein. Wenn wir uns stattdessen wieder daran erinnern würden, dass jeder einzelne Mensch ohne Ausnahme an irgendeiner Stelle von seinem Schöpfer schnell, hoch oder stark gemacht worden ist dann könnten wir uns vielleicht wie-der viel unbefangener über die wirklich besondere einzelne Leistung freuen, die nicht als Produkt einer gut gedopten Selbstvergottung, sondern als Ausdruck menschlicher Möglichkeiten daherkommt.
Doping
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