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"Von Hirtinnen in Wanderboots - Moderne Bibelübersetzungen
Da nahm Jesus das Brot..., gab es seinen Jüngerinnen und Jüngern... In jener Gegend gab es auch Hirten und Hirtinnen die draußen lebten und über ihre Herde wachten.
Da trat ein Engel der Lebendigen zu ihnen und der Feuerglanz der Lebendigen umhüllte sie... Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel, dein Name werde geheiligt...
Autor: Das steht in der Bibel. Vielleicht nicht in Ihrer Bibel. Nicht in der gewohnten Lutherbibel. Oder in der bekannten Einheitsübersetzung. Die Sätze stehen in der Bibel in gerechter Sprache. Sie ist im vorigen Jahr veröffentlicht worden. Seitdem hat sie Furore gemacht. Ich wurde von einem Schüler darauf angesprochen. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, ich bin Rainer Stuhlmann und unterrichte evangelische Religion in einem Kölner Gymnasium. Als mein 16jähriger Schüler Dario erzählte, dass er darüber in der Zeitung gelesen hatte, wurden die anderen neugierig. Sie entdeckten ein neues interessantes Thema für den Religionsunterricht. Ein anderer Schüler brachte die Volxbibel mit. Eine Übersetzung des Neuen Testamentes in die sogenannte Jugendsprache. Darum schreibt sie sich auch in der Mitte mit X: Volxbibel. Vor zwei Jahren hat ein Team Junggebliebener sie in einem Selbstverlag herausgebracht Darin finden sich Sätze wie diese:
Jüngerer Sprecher: Jesus organisierte ein Meeting mit seinen zwölf Freunden... Er sagte, sie sollten sich keine dicke Sachen einpacken, nur einen Wanderstock, sonst nichts. Keinen Proviant, keinen Rucksack und auch keine Kohle. Auch auf eine zweite Garnitur Klamotten sollten sie verzichten. Nur ein paar Wanderboots waren akzeptiert. (Mk 6,7a.8-9)
Jüngere Sprecherin: Durch Jesus haben wir den PIN-Code für das Türschloss zum Himmel, auf diesen abgefahrenen Augenblick können wir uns jetzt schon tierisch freuen! (R 5,2)
Jüngerer Sprecher: Liebe will Leute nie fertig machen und sie will auch nicht das fetteste Stück vom Kuchen haben... Sie hat keinen Bock drauf, wenn jemand abgelinkt und ungerecht behandelt wird.
Autor: Dem Volk aufs Maul schauen, wollte schon Martin Luther. Die Macher der Volxbibel unternehmen den radikalen Versuch, Schriften, die vor tausenden von Jahren geschrieben wurden, neu und frisch zu übersetzen. Dies Experiment nennen sie die Volxbibel. Ein Experiment, das die Schüler des Kölner Gymnasiums ebenso wie die Bibel in gerechter Sprache als nicht so gelungen empfinden.
O-Ton: Ich kann mich mit dieser Bibel nicht identifizieren, weil sie nicht unserer heutigen Sprache entspricht und auch nicht der heutigen Jugendsprache.
O-Ton: Meine persönliche Meinung ist, dass das nicht richtig ist, weil Gott ist für mich keine Frau aber gleichzeitig auch kein Mann. Also kann man auch nicht in weiblicher Form von ihm reden.
O-Ton: Ich kann mich auch überhaupt nicht damit identifizieren, da ich finde, dass diese Sprache einfach nur lächerlich ist. Keiner redet so. Und wieso sollte man dann in der Bibel so eine Sprache reden?
Autor: Spontane Ablehnungen waren die ersten Reaktionen auf beide Übersetzungen. Intuitiv formulierten die 16jährigen ihren Wertmaßstab:
O-Ton: Was ist die richtige Bibel? Das ist die ganz normale Bibel. Die aus der Kirche. Die Lutherübersetzung.
Autor: Die Lutherbibel? Auch Erwachsene, die neue Bibelübersetzungen ablehnen, halten die Lutherbibel für die richtige Bibel. Martin Luthers Übersetzung hat für Jahrhunderte die deutsche Sprache geprägt. Bis ins vorige Jahrhundert hinein war die Lutherbibel weitgehend konkurrenzlos. Das hat dem Eindruck Vorschub geleistet. Die Lutherbibel sei die richtige Bibel, gar die Bibel selbst. Und manche Fromme setzen noch eins drauf und identifizieren sie gar mit dem Wort Gottes. Aber meine Schülerinnen und Schüler sind nicht dumm. Sie haben selber herausgefunden, dass die Lutherbibel eben auch nur eine Übersetzung der Bibel ist und nicht die richtige Bibel. Ob diese Übersetzung richtiger als viele moderne Übersetzungen ist, das muss dann im Einzelnen überprüft werden.
Musik 1
Autor: Wer im Buchladen vor den Regalen mit Bibelausgaben steht, hat die Qual der Wahl. Übersetzungen gibt es viele. Die Volxbibel und die Bibel in gerechter Sprache sind nur zwei im großen Kanon. Woran sind moderne Bibelübersetzungen zu prüfen?
O-Ton: An der richtigen Bibel,
Autor: sagen die Jugendlichen und meinen jetzt das griechische Neue Testament und das hebräische Alte Testament. Aber beide Bibelteile sind in vielen unterschiedlichen Handschriften überliefert. Und die stimmen an vielen Stellen nicht überein. Niemand weiß, welche Handschrift die richtige ist. Da muss abgewogen werden. Und selbst bei sorgfältigster Prüfung bleibt jede Entscheidung ein Wagnis. Wie viel mehr ist dann jede Übersetzung ein Wagnis! Risikoreich, wie das Übersetzen über einen Fluss von einem zum anderen Ufer. Jede Übersetzung muss etwas wagen und läuft dabei Gefahr, daneben zu treffen.
O-Ton: Das bedeutet ja, dass es überhaupt keine richtige Bibel gibt.
Autor: Jedenfalls nicht eine, die wir zur Verfügung haben. Schon die richtige Bibel ist kein Buch, das irgendjemand in der Hand hat. Erst recht nicht das Wort Gottes. Es ist unverfügbar. Richtig ist die Bibel, wenn Menschen, die sie lesen oder hören, in menschlichen Worten Gottes Wort vernehmen. Ein Wort, das sie in seiner Lebendigkeit spüren. Eine Botschaft, die was bei ihnen auslöst. In der Sprache der Jugendlichen ausgedrückt: Wenn es Klick macht. Das passiert eher, wenn ich die gleiche Aussage in unterschiedlichen Übersetzungen lese oder höre. Der Plural macht's.
O-Ton: Es ist also umso besser, je mehr Übersetzungen wir haben.
Autor: Genau, denn jede gute Übersetzung schafft neue Möglichkeiten, den Text anders und neu zu vernehmen. Allerdings entsteht dann ein weiteres Problem:
O-Ton: Was ist eine gute Übersetzung?
Autor: Immer schon waren die wichtigsten Kennzeichen einer guten Übersetzung: Texttreue und Verständlichkeit! Dann ist eine gute Bibelübersetzung natürlich eine, die sich nicht absolut setzt, sondern die Lust macht auf andere Übersetzungen. Eine Übersetzung, die neugierig macht, die Fragen provoziert und dahinter kommen will. Beide neuen Übersetzungen, die Volxbibel wie die Bibel in gerechter Sprache bewirken genau das bei den Jugendlichen: Interesse und Neugier. Lust auf mehr Bibel. Was kann da Besseres von einer Bibelübersetzung gesagt werden! Interesse und Neugier wecken auch Lust zu kritischer Auseinandersetzung. Und wer hätte diese Lust nicht, bei Formulierungen wie diesen:
Sprecher: Gott hat Bock auf Klarheit... Die Götzen soll man in die Tonne kloppen... Die Jungs von der Pharisäerpartei wollen es genau wissen... Jesus räumt im Tempel auf... Die Story von den zehn Frauen, die den Macker zu seiner Hochzeit abholen wollten... Was abgeht auf der Party Gottes... Wenn es jetzt auch ätzend ist, wir werden am Ende fett absahnen... Passt auf vor Laberheinis...
Autor: Unkritisch nehmen die Jugendlichen nichts hin, was ihr Interesse geweckt hat. Jugendsprache? Aber unsere Sprache ist das nicht., sagen sie. Wir verstehen die Sprache der Volxbibel, aber wir sprechen sie nicht. Und man merkt auch, dass es nicht die Muttersprache der Übersetzer ist. Vieles klingt so gewollt. Dann ist die Volxbibel so etwas wie eine Mundartbibel wie bespielsweise die Psalmen op Kölsch, die Bibel in Plattdütsch oder Switzerdütsch. Ich lese solche Übersetzungen gerne, weil sie mir einen allzu vertrauten Text heilsam verfremden, etwas scheinbar Vertrautes fremd erscheinen lassen. Tritt die Fremdheit eines Textes in Erscheinung, dann ist sofort der Dialog eröffnet, Dann gibt es ein Wechselgespräch, manchmal auch ein Streitgespräch zwischen mir und dem Bibeltext, das mir das Verstehen erleichtert und mir den Text näher bringt.
Musik 2
Autor: Nur ein einziger meiner Schüler war so angetan von der Volxbibel wie ich. Und das war ein Pfarrerssohn, der die Bibel längst kannte. Also ein kirchlicher Insider wie ich. Daraus folgere ich: Für Menschen, die die Bibel schon ganz gut kennen, ist die Volxbibel hilfreich. Durch Verfremdung eröffnet sie neue unverbrauchte Zugänge zu allzu vertrauten Texten. Aber kirchenferne, distanzierte und zweifelnde Jugendliche sehen diese Bibel eher skeptisch.
O-Ton: Ich habe gesehen, dass die Macher der Volxbibel versuchen, uns Jugendliche auf die Seite der Religion zu ziehen. Aber das finde ich recht lächerlich, weil man keinen Menschen zu so etwas zwingen kann.
O-Ton: Ich finde den Versuch, uns auf Religion mit der Volxbibel aufmerksam zu machen, lächerlich. Die Verfasser denken wohl, wir sind blöd.
O-Ton: Ich finde, es ist sehr leicht durchschaubar, wie die Macher der Volxbibel die Jugendlichen auf ihre Seite ziehen wollen und sie durch diese Sprache beeinflussen wollen, so dass die Jugendlichen die Bibel wohl eher lesen als vorher. Aber ich finde, entweder man liest die Bibel und glaubt auch dran. Oder man lässt es bleiben. Dann braucht man auch keine Volxbibel dafür.
Autor: Religiöse Werbung kommt also bei Jugendlichen noch viel weniger gut an als bei Erwachsenen. Nach Ausweis des Vorwortes i gehört es zu den Absuchten der Übersetzer, mit der Volxbibel Menschen für Jesus zu missionieren. Wenn die Jugendlichen diese Absicht merken, machen sie zu. Natürlich ist die Bibel in gerechter Sprache nicht wirklich mit der Volxbibel zu vergleichen. Aber auch sie ist ein Übersetzungsversuch, der das Fremde an der Bibel hörbar macht. Vor allem hat die Jugendlichen die Frage beschäftigt, ob es richtig ist, wenn Gott mit weiblichen Wörtern umschrieben wird und damit der Eindruck entsteht, als sei Gott eine Göttin.
Sprecherin: Die Ewige hatte Salomo Weisheit verliehen... In meiner Angst rief ich die Lebendige an... Tut Gelübde und erfüllt sie der Heiligen, eurer Gottheit... Singen will ich der Einen mit meinem Leben.
Autor: Noch immer klingeln da einigen die Ohren, wenn sich weibliche Gottesbezeichnungen häufen. Aber wer den berühmten Psalm 23 nachliest, den Luther mit den Worten anfangen lässt: Der Herr ist mein Hirte wird eines besseren belehrt. In den ersten Sätzen wird von Gott wie von einem Hirten gesprochen. Ja. Aber später wird Gott mit DU angesprochen. Und dann wechseln die Bilder vom hüten und leiten zum kochen und kellnern. Aus dem Stall geht es in Küche und Esszimmer.
Sprecherin: Du bereitest vor mir mir einen Tisch... du salbest mein Haupt mit Öl... du schenkst mir voll ein...
Autor: Lauter Aufgaben, die im Altertum Frauen übernommen haben. Daraus haben die Jugendlichen den Schluss gezogen: Wenn Gott wie ein Hirte ist, dann ist Gott auch wie eine Wirtin oder eine Kellnerin. Und am Ende haben sie ihr Urteil über die Bibel in gerechter Sprache revidiert.
O-Ton: Ich finde es gut, dass man von Gott in männlicher und weiblicher Form redet, weil es sollte jedem Menschen offen sein, was er in Gott sieht und warum.
O-Ton: Ich finde gut, dass die Bibel in gerechter Sprache Gott auch als weiblich darstellt, weil die anderen Übersetzungen Gott immer als männlich darstellen. Und so ist es jedem selber überlassen, was er glaubt.
Autor: Wie wir viele Übersetzungen brauchen, um Gottes Wort näher zu kommen, so brauchen wir viele Gottesbilder um Gott näher zu kommen. Auch hier macht es der Plural. Die Bibel in gerechter Sprache hilft dabei, den Irrtum zu vermeiden, als sei Gott wie ein Mann. Dabei arbeitet sie provokativ. Das weckt Interesse und Neugier. Das ruft nach Mehr. Nach anderen Übersetzungen. Und darum ist auch diese Übersetzung eine gute Übersetzung. Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Rainer Stuhlmann von der Evangelischen Kirche
Musik 3
"Von Hirtinnen in Wanderboots - Moderne Bibelübersetzungen
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