Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.07.07, 10.00 Uhr, Pastor Martin Plücker

„Aufatmen können, weil Jesus vergibt“

Haben Sie schon gehört? Die Radprofis waren doch gedopt. Haben Sie schon gehört? Ein Topmanager wurde wegen Korruption verhaftet. Haben Sie schon gehört?

Die reiche Hotelerbin kommt für ein paar Tage in den Knast. Die einen ärgert es, die anderen sind voller Schadenfreude und Häme, und getuschelt wird sowieso.

Schnell kann es passieren, dass wir auf andere mit dem Finger zeigen, sie kritisieren sie vielleicht sogar bloß stellen. Schnell kann es passieren, dass wir uns ein Urteil über andere bilden, ohne uns für die Hintergründe, die Geschichte oder ihre Motive wirklich zu interessieren. Mich persönlich hat die Geschichte mit dem Kranführer bewegt und nachdenklich gemacht. Ich hätte den Fahrer wahrscheinlich in die gleiche Schublade gepackt, wie die Mitarbeiter in der Firma. Schnell kann es passieren, dass wir – im Bild gesprochen – mit Steinen auf andere werfen, oft aus Neid, Überheblichkeit oder wegen ihrer Fehltritte. Und nicht selten lenken wir damit von unseren eigenen Schwächen ab.

Dabei wissen wir doch nur zu gut: Auch wir haben unsere Grenzen und Fehler. Auch wir können schnell zum Ziel der Steine anderer werden. Wir fühlen uns unverstanden oder ungerecht behandelt, wenn ein anderer über uns urteilt oder uns kritisiert.
Nicht umsonst heißt es doch: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“ Oder: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Wer es biblisch ausgedrückt und positiv gewendet haben will – Jesus sagt in der Bergpredigt: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch.“ (Mt.7,12)

Doch die Wirklichkeit ist oftmals anders. „Hast du schon gehört? Die Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt.“ Mit diesen provozierenden Worten zerren Pharisäer und Schriftgelehrte sie zu Jesus. „Das Gesetz Moses lehrt uns, sie zu steinigen. Was sagst du als Lehrer dazu?“ Sie steht da, umringt von Männern, die sie verurteilen. Die Todesangst ist ihr ins Gesicht geschrieben. Der Tatbestand ist ohne jeden Zweifel. Die Anklage klar ausgesprochen. Sie haben schon die Steine in der Hand und warten nur noch auf Jesus und sein Urteil.

Jesus sieht sie an, die Frau und die anklagenden Männer, die so selbstsicher auftreten. Er sieht nicht nur, was vor Augen ist, er sieht ihnen ins Herz. Das die Pharisäer und Schriftgelehrten ihn zum Gesetz Moses befragen, ist nur ein Vorwand. In Wirklichkeit wollen sie ihm eine Falle stellen. Sie haben Angst um ihre eigene Macht und Wichtigkeit. Darum benutzen sie diese Frau als Spielball ihrer Pläne. Sie wollen Jesus zu Fall bringen und ihre eigene Position vor dem Volk stärken. Ihr Taktik ist bestechend einfach: „Spricht sich Jesus für die Frau aus, dann ist er gegen das Gesetz. Das wäre ein Grund, ihn als Propheten und Messias abzulehnen. Spricht er sich aber gegen sie aus, so macht er seine eigene Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit zunichte. Wie es auch kommen wird, am Ende steht es 1:0 für uns.“

Zugegeben, kein schlechter Plan. Vom Gesetz her sind die herumstehenden Männer im Recht. In der Tat sollte Ehebruch nach dem alttestamentlichen Gesetz mit dem Tod bestraft werden, um die Ehe dadurch zu schützen (3.Mose 20,10; 5.Mose 22,22). Mich schaudert angesichts der Härte der Strafe. Bezahlt sie den Ausbruch aus ihrer Ehe mit dem Tod? Wie geht Jesus mit dieser Zwickmühle um?

Es kommt anders, als erwartet. Kein vernehmbares Urteil, keine Freigabe der Steinigung. Jesus schweigt. Dann bückt er sich und schreibt mit seinem Finder auf die Erde. Eine bemerkenswerte Szene. Was macht Jesus da? Woran denkt er? Viele Ausleger rätseln darüber. Will Jesus Zeit gewinnen? Schreibt er sein Urteil auf den Boden? Denkt er an ein Wort des Propheten Jeremia (17,13), in dem es darum geht, dass alle Menschen Sünder sind? Die Spannung steigt. Die Pharisäer und Schriftgelehrten drängen auf die Einhaltung des Gesetzes. Sie wollen die begangene Sünde bestraft sehen. Sie wollen die gestellte Falle zuschnappen sehen – und warten ungeduldig. Doch Jesus hat offensichtlich etwas ganz anderes im Sinn. Mit ihm ist eine ganz neue Zeit angebrochen. In ihm ist Gott selber Mensch geworden, um mit uns Menschen einen neuen Bund zu schließen. Gott will unserer Sünde nicht mehr die Strafe gegenüberstellen, sondern die Barmherzigkeit. Seine Liebe ist das treibende Motiv seines Handelns. Und in Jesus hat diese Liebe ein Gesicht bekommen.

Von Jesus können wir lernen, wie gut es ist, in schwierigen Situationen einen Moment innezuhalten, nachzudenken, das Tempo zu verlangsamen – wie bei einem Ritardando in einem Musikstück. Von einer schnellen Verurteilung eines anderen absehen. Stattdessen erst einmal den Menschen sehen, nachfragen, ihm zuhören. Das gibt Zeit um nachzudenken und den anderen und seine Sicht wahrzunehmen.
So ließe sich manche Situation beruhigen, manche Aufgeregtheit in die Schranken weisen. So könnte manche unserer Reaktionen vielleicht weiser und gerechter ausfallen. Dem Kranführer wäre dann vielleicht der Vorwurf, betrunken zu sein, erspart geblieben.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns in schwierigen Situationen daran erinnern: Wenn Paare über unterschiedliche Vorstellungen streiten. Wenn Arbeitskollegen gegenseitiges Verhalten nicht in Ordnung finden. Wenn Nachbarn sich über unterschiedliche Gewohnheiten ärgern. Wenn Freunde gegensätzlicher Meinung sind. Kein aufgebrachtes „Du bist aber…“, das den anderen festlegt und verurteilt. Stattdessen ruhig nachfragen: „Wie meinst Du das? Warum verhältst Du Dich so? Warum ist Dir das wichtig?“

Jesus bückt sich und schreibt auf die Erde. Als souveräner Seelsorger lässt er sich nicht von den Erwartungen anderer unter Druck setzen. Die Spannung steigt. Bei den Männern und bei der Frau. Da richtet sich Jesus auf. Wir kennen seine Antwort.
Ich bitte sie an dieser Stelle, mal einen Moment nachzudenken, was sie in einer ähnlichen Situation gesagt haben. Mit was waren sie schnell bei der Hand? Mit dem Verurteilen oder mit dem Vergeben? Erinnern sie sich noch?

[Instrumentalmusik: „Amazing grace“]

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Mit dieser Antwort hat niemand gerechnet. Ein Satz, der sitzt. Kaum gesagt, überlässt Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten ihren eignen Gedanken. Aber was ist das für eine Antwort? Jesus wendet sich nicht gegen das Gesetz. Er bestreitet nicht die Unschuld der Frau. Er wendet sich auch nicht gegen sie. Er ruft nicht zur Vollstreckung des Urteils auf. Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Wer von den Männern eben noch dachte, mit innerer Distanz diesen Fall diskutieren zu können, sieht sich selbst auf einmal mittendrin in dieser Geschichte. Was werden sie tun? Wer von ihnen wird der erste Werfer sein?

Nach jüdischem Brauch warfen die ersten Zeugen einer Tat auch den ersten Stein. Doch Jesus hebelt diesen Brauch aus: Nur der darf den ersten Stein werfen, der sich selber keines Vergehens schuldig gemacht hat. Souverän. Jesus, der Seelsorger, schaut hinter die Kulissen. Er zwingt die Ankläger, nein, er hilft ihnen, ihre eigene Wahrheit zu erkennen und sich ihr zu stellen. Keiner von ihnen ist ohne Sünde. Sie selber haben Gottes Gebote genauso übertreten, wie diese Frau. Vielleicht nicht beim Ehebruch, aber ganz sicher an anderer Stelle. Was so einfach schien: die Vollstreckung eines Urteils, das nach Recht und Gesetz über einen anderen gefällt worden war, wird ganz überraschend zur persönlichen Gewissensschärfung.

Und die geht so aus: Einer nach dem anderen geht weg. Am Ende bleiben nur noch zwei Personen übrig: Die Frau und Jesus. Keiner der Ankläger ist mehr da. Der Kirchenvater Augustin bemerkt zu dieser Stelle: „Zurückgeblieben sind zwei, die Erbarmungswürdige und das Erbarmen.“ Erst hier spricht Jesus mit der Frau. Er nimmt sie aus ihrer Angst, ihrer Verlegenheit und Unsicherheit heraus. Doch sonderbar, er fragt nicht nach ihrer Schuld und verliert auch über die Anklage kein Wort. Er sieht sie nur an und sieht in ihr einen Menschen, der Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung hat, der Hilfe und Vergebung braucht. Und genau das will Jesus ihr schenken.  Jeder Mensch, sie genauso wie ich, ist in seinen Augen so wertgeachtet, dass er sich über ihn erbarmen möchte. Jesus möchte uns zu einem freien, lebendigen und erfüllten Leben helfen. Auch wenn andere Menschen uns verurteilen oder schon abgeschrieben haben, Jesus nicht. An dieser entscheidenden Stelle unseres Lebens geht es nur um uns und um ihn – um die Erbarmungswürdigen und das Erbarmen. Das macht das Evangelium aus.

Auf die Frage, ob keiner der Ankläger mehr da ist, antwortet sie: „Nein, Herr, keiner.“ Welch eine Erleichterung liegt in diesen Worten?! Wie viele Steine mögen ihr vom Herzen gefallen sein? Man spürt förmlich, wie sie allmählich beginnt, aufzuatmen. Aber noch sind nicht alle Fragen beantwortet. Was für uns klar ist, ist für die Frau noch offen: Wie wird Jesus urteilen?

Als Sohn des lebendigen Gottes ist er der einzige, der jemals ohne schuld geblieben ist. Er könnte den ersten Stein nehmen und auf diese Frau werfen. Er hätte das Recht dazu, aber er wirft ihn nicht. Stattdessen sagt er: „Ich verurteile dich auch nicht. Geh hin und sündige nicht mehr.“

Jesus, der Seelsorger, hebt das Gesetz nicht auf, aber er vergibt. Er entschuldigt ihr Verhalten nicht, sondern erbarmt sich über sie. Er macht ihr keine Vorhaltungen, sondern gibt ihr ihre Würde zurück. Er spricht sie frei, ohne Voraussetzung, allein aus der Gnade und großen Barmherzigkeit, aus der rettenden Liebe Gottes zu uns Menschen heraus. Und er traut ihr zu, dass sie nicht mehr sündigt, dass sie ein anderes Leben führen kann. So ist Jesus.

Die Erfahrung dieser Barmherzigkeit ist nicht auf diese Geschichte beschränkt. Wir können sie heute genauso machen. Wo Menschen uns unsere Würde genommen haben, weil wir für sie nicht zählen, weil wir nicht gesehen werden oder unsere Gedanken und Gefühle keine Rolle spielen, da gibt Jesus uns unsere Würde zurück. Er sieht und achtet jeden Menschen. Seine Liebe stellt keine Bedingungen, sie grenzt niemand  aus.

Sie und ich können aufatmen, weil Jesus vergibt, weil er zum Leben hilft und die Türen der Liebe für uns öffnet. Auch unsere Schuld, egal wie große oder klein sie ist: Üble Nachrede über einen Kollegen, die Lüge gegenüber dem Partner, die verweigerte Hilfe für einen anderen, Misstrauen und Ablehnung gegenüber Gott. Er vergibt unsere Verfehlungen und heilt unsere Wunden. Wem so vergeben wurde, der kann aufatmen, der spürt, wie die Seele entlastet wird. So befreit finden wir wieder zu uns selbst, zu unserer Würde und können aufbrechen zu neuem Leben.

Im Stadtgebiet Stuttgarts liegt der Birkenkopf, ein 511m hoher Berg. Das besondere daran: Es ist ein Trümmerberg, entstanden aus dem Schutt, den Menschen nach dem zweiten Weltkrieg dort abgeladen und aufgehäuft haben. Heute ist der Birkenkopf mit Gras bewachsen und trägt ein Gipfelkreuz, die Schwaben nennen ihn „Monte Scherbelino“. Wir brauchen einen solchen Platz für uns Menschen, an dem wir die Trümmer und Scherben des eigenen Lebens abladen können. Gott sei Dank gibt es ihn auch für uns. Wir gut, dass Christus für unsere Schuld auf dem Hügel Golgatha vor den Toren Jerusalems gestorben ist.

Gottes Wort macht uns Mut, diese Barmherzigkeit in Anspruch zu nehmen und um Vergebung unserer Schuld zu bitten. Jesus verurteilt nicht, er vergibt ohne Bedingungen. Und weil Jesus uns nicht verurteilt, sollen wir andere auch nicht verurteilen. Stattdessen soll uns die Erfahrung der Barmherzigkeit barmherzig mit anderen machen. Verständnisvoll, mitfühlend, respektvoll, großzügig. „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ So sagt es Jesus.

Haben sie schon gehört? Jesus spricht Menschen frei und verurteilt sie nicht. Haben sie schon gehört? Wir können aufatmen, weil Gott uns durch Jesus unsere Schuld vergibt und neues Leben schenkt. Haben sie schon gehört? Diese Barmherzigkeit macht auch im Umgang mit anderen barmherzig.

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen zum Hören und Verstehen, zum Aufatmen und zum Leben. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 12.08.2007 um 10 Uhr bis 11 Uhr vom  WDR 5, aus der Ev. Schlosskirche aus Düsseldorf-Eller übertragen. Die Predigt hält Pfarrerin Dr. Barbara Schwahn.

 

 


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