Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.07.07, 6.56 Uhr, Pfarrer i. R. Burkhard Müller

"Kränkungen und unser Glück"

Ich predige. Da sehe ich einen, der gähnt. Ich habe mir viel Mühe mit der Predigt gemacht. Ich bin extra nicht so spät ins Bett gegangen,

um Frische und Wachheit auszustrahlen. Und jetzt gähnt er! Hat er denn keinen Respekt vor meiner gedanklichen und rhetorischen Leistung? Ein bisschen bin ich gekränkt. Aber das war damals.

Sehe ich jetzt einen während meiner Predigt gähnen, denke ich: Der ist wohl sehr müde. Vielleicht hat er bis heute morgen um 5 eine Party gefeiert. Und trotzdem ist er gekommen, um an diesem Gottesdienst teilzunehmen und der Predigt zuzuhören. Heute halt ich das Gähnen für ein indirektes Kompliment.

Der Engländer hat für diesen Sichtwechsel einen netten Spruch: You can’t stop the waves, but you can learn to surf. Du kannst die Wellen nicht anhalten, aber du kannst lernen, auf ihnen surfen. Du kannst die ärgerlichen Dinge nicht fernhalten. Aber du kannst sie anders deuten.

Wer sich schnell kränken lässt, wer hinter jedem kleinen Malheur eine große Bosheit wittert, wer sich schon durch die kleinsten Widrigkeiten umhauen und aus der Spur bringen lässt, der hat es schwer mit seinem Lebensglück.

Herr K. zum Beispiel. Morgens hatte er die Bahn verpasst. Im Briefkasten war nur eine dicke Rechnung. Als es regnete, hatte er seinen Schirm vergessen. Nach langem Anstehen an der Theaterkasse bekam ausgerechnet sein Vorgänger die letzte Karte. Er war sauer. Er hatte das Gefühl, die ganze Welt habe was gegen ihn. Vor Ärger konnte er nicht einschlafen, Mit Rotwein half er der Müdigkeit nach. Und so begann der nächste Morgen mit Kopfschmerzen.

Wer kennt das nicht? Blöde Kleinigkeiten hauen einen um. Man will cool bleiben. Doch dann kippt die Seele aus den Latschen und verliert die Fassung. Eigentlich könnte ich glücklich sein, nur: ich ärgere mich immer so schnell!

Dummerweise gibt es kein Leben ohne Kränkungen und Verletzungen. Wenn wir innerlich labil sind, pusten sie uns weg, wie den Spreu, den der Wind verstreut, um es mal mit einem biblischen Bild zu sagen. Gern wäre ich stabiler. Um wieder die Bibel zu zitieren: stabil wie ein Baum, der tiefe Wurzeln hat.

Ob ein Baum tiefe Wurzeln hat,  merkt man erst, wenn der Wind kommt, und der Baum kippt nicht um. Ob ein Mensch tief verwurzelt ist, sieht man auch erst, wenn ihn die Kränkungen treffen, und er bleibt trotzdem glücklich, Wenn eine Krise da ist, und es haut ihn nicht um. Wenn es stürmt, aber er bleibt stabil.

Um noch einmal die Bibel anzuführen: Sie sagt: wer sich im Wort Gottes gründet, der ist wie ein Baum am Wasser, der grünt und bringt Frucht. Ich verstehe das so: Das Wort Gottes sagt uns vieles, was uns glücklich macht: dass wir wertvoll sind, dass wir von Gott geliebt sind, dass wir eine unzerstörbare Würde haben.

Wer in solchen Worten verwurzelt ist, der hat viel Halt. Kränkungen des Lebens können nicht wirklich treffen. Gut, vielleicht ärgere ich mich ja, aber im Grunde genommen bleibe ich dann ein glücklicher Mensch.

Audiobeitrag "Kränkungen und unser Glück"


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