Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.07.07, 6.56 Uhr, Pfarrer i. R. Burkhard Müller

"Seelenruhe und unser Glück"

„Nein, unglücklich war er nicht,“ sagt seine Witwe. „Im Gegenteil, noch ein paar Tage vor seinen Tod erklärte er mir, jetzt sei er voll und ganz glücklich.“

Man hatte ihn bei einer der sog. Umstrukturierungen in seinem Betrieb freigesetzt. Oder weniger fein ausgedrückt: Man hat ihn rausgeworfen. Das hat ihn zunächst sehr wütend gemacht. Dann hoffnungslos und deprimiert. Nein, eine neue Stelle für ihn in seinem Alter würde es nicht geben.

„Mir wollen sie das Genick brechen“ schimpfte er. „Aber sie werden das nicht schaffen, mich fertig zu machen.“ So war es, als ich ihn das erste Mal besuchte.

Beim zweiten Besuch war ein merkwürdiger Wandel mit ihm eingetreten. Ich sehe ihn, wie er da sitzt, an einem schönen Tag auf seinem Balkon. mit einem Glas Rotwein auf dem Tischchen vor ihm, an dem er nur selten mal nippt. Er redet wenig, er lächelt viel. Ein bisschen erinnert er mich an einen Buddha. Vor ihm liegt eine kleine Broschüre. „Cicero“, sagt er, „der lateinische Philosoph.“ Der beschreibe das wahre Glück. Glück ist die völlige Ruhe der Seele, wie ein spiegelglatter See, der von keinem Wind gekräuselt wird.

Und so werde er jetzt von seiner Seele alles fernhalten, was ihn beunruhigt und aufregt. Er lasse nichts mehr an sich heran und werde so glücklich. Erst jetzt, wo ich mit seiner Frau über seine Beerdigung rede, begreife ich, dass er schon damals begonnen hat, sich das Leben zu nehmen.

Um zur Ruhe zu kommen, um wieder glücklich zu werden, hat er seine Seele taub und blind gemacht. Er hat seiner Seele absolute Ruhe verschrieben. Damit sie sich nicht aufregt. Er hat seine Seele zur Ruhe gezwungen. Zur Totenruhe. Er hat begonnen, innerlich zu versteinern.
 
Wer nichts an sich herankommen lässt, lebt nicht wirklich. Letztlich war es dann nur ein kleiner konsequenter Schritt, sich das Leben zu nehmen. Nein, man kann nicht glücklich werden, indem man seine Seele blind und taub und stumpf macht. Wer seine Seele mit einer dicken Lederhaut überzieht, damit ihn das Traurige nicht anrührt, der hat auch keine Sensibilität für das Gute und Schöne.

Wahrscheinlich können Sie das heute feststellen wie an jedem Tag: Es gibt immer nur Beides, das Helle und das Dunkle, das Leichte und das Schwere, das Fröhliche und das Traurige.

Alles hat seine Zeit und Stunde, sagt ein Weiser der Bibel und zählt auf: geboren werden hat seinen Zeit und sterben hat seine Zeit. Weinen hat seinen Zeit und Lachen hat seine Zeit. Klagen hat seine Zeit und Tanzen hat seine Zeit.

Für ein glückliches Leben empfiehlt Paulus, am Leben anderer von Herzen Anteil zu nehmen, und er redet ausdrücklich von beidem: Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Traurigen. Für beides traut er uns die innere Stärke zu.

Liebe Hörerinnen und Hörer, Trauen Sie der großen Lebenskraft, die Gott in Sie gelegt hat, dass Sie das Leben in seiner breiten Fülle erleben können. Und das macht wirklich glücklich.

Audiobeitrag "Seelenruhe und unser Glück"


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