Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.07.07, 5.56 Uhr, Pfarrer i. R. Burkhard Müller

"Wunde Punkte und unser Glück"

„Glatzkopf! Glatzkopf, komm herauf und fang uns doch“! schreien die Kinder. Ein ganzes Rudel läuft hinter dem Alten her und verspottet ihn.

Der Mann heißt Elisa und ist einer aus der Gilde der Propheten. Die Kinder machen ihn richtig wütend. Da verflucht er sie. Prompt kommen zwei Bären, fallen über die Kinder her und zerfleischen 42 von ihnen.

Das steht in der Bibel. Ich schäme mich dafür. Man kann doch auch mit einem Glatzkopf glücklich sein! Sollte nicht zumindest ein Mann Gottes wie er innerlich gefestigt sein und Kinderspott ertragen können? Warum macht ihn das so fassungslos?

Selbst wenn die Kinder ihn kränken: Weiß er nichts von Gottes Güte? Nichts von Barmherzigkeit und Vergebung? Nichts davon, dass Gott das Leben fördern und nicht auslöschen will?

Seine Glatze ist sein „Wunder Punkt“. Ach wenn es doch damals schon Schönheitschirurgen gegeben hätte! Er hätte sich eine neue Haarpracht aufpflanzen lassen können. Oder eine gute Perücke kaufen. Ob nur verletzte Eitelkeit dahinter steckt?

Vielleicht ist Elisa unglücklich, weil er selbst keine Kinder hat. Es tut ihm weh, Kindern zuzusehen.  Sie erinnern ihn an seinen Lebensschmerz. Mit zunehmendem Alter wandelt sich seine enttäusche Kinderliebe zu einem richtigen Kinderhass. Irgendwie nimmt er den Kindern übel, dass sie nicht seine Kinder sind. Jedes Kind stört ihn. Jetzt noch der Spottruf „Glatzkopf! Glatzkopf!“ Und alle Sicherungen brennen durch.

Oder ein anderer Erklärungsversuch: Damals hat man die Magische Kraft von Gottesmännern oft in Verbindung mit ihrer Haarpracht gesehen. Echte Propheten ließen sich die Haare nicht schneiden. Nun, bei Elisa war das Haarschneiden gar nicht möglich. Er hatte keine. Er hatte eine Glatze. Ein echtes Handicap für einen Propheten! So begleitete ihn immer die Angst, man würde ihn als Propheten nicht ernst nehmen. Er sah sein Lebensglück auf sehr unsicherem Boden stehen. Und jetzt die schreienden Kinder! Sprechen sie nicht laut aus, was auch die  Erwachsenen heimlich denken, dass er eben kein richtiger Prophet, sondern ein lächerlicher aufgeblasener Glatzkopf ist?

Mich macht traurig, dass bei Elisa in diesem Moment nichts von seinem Glauben und Gottvertrauen zu spüren ist, nichts von Liebe und Verstehen. Er fühlt sich in seiner Existenz angegriffen. Da muss er ein Exempel statuieren. Und das alles nur, weil sein wunder Punkt nicht zugeheilt war. Auch der Apostel Paulus hatte einen wunden Punkt: eine chronische Krankheit. Er fleht inständig Gott um Heilung an. Aber der erhört nicht. Gott lässt ihm seinen wunden Punkt.

Wird Paulus nun unglücklich bleiben? Glücklicherweise lernt Paulus  – anders als Elisa -, sich mit seinem Handicap abzufinden. Ein kurzes Gotteswort bringt es auf diese Formel: Gott spricht: Lass dir an meiner Gnade genügen. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ich verstehe das so: Gott sagt: ich nehme dir dein Handicap nicht weg, aber ich gebe dir so viel Kraft, wie du brauchst, um mit deinem Handicap fertig zu werden und trotzdem glücklich zu sein.

Audiobeitrag "Wunde Punkte und unser Glück"


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