Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.06.07, 8.05 Uhr, Pastor Wolfram Krebs

Zachäus

Der morgendliche Blick in den Spiegel kann auch für den Pastor einer Freikirche in Köln sehr ernüchternd sein.

„Wir werden alle nicht jünger“ sagte mir neulich ein alter Freund und strich über sein gelichtetes Haar. Noch ein paar Runzeln und Falten mehr als bei der letzten intensiveren Betrachtung des eigenen Konterfeis, ein soliderer Lebenswandel soll ja etwas helfen. Auch hält die Kosmetikindustrie eine Fülle von Wässerchen und Tinkturen bereit, denen wahre Zauberwirkungen nachgesagt werden. Da greift auch mancher Mann mal gern zum Pre- und Aftershave, zur Haarrenaturierungspaste oder zur Peelingcreme um die Lebensspuren im Gesicht zu glätten.

Das alles, liebe Hörerinnen und Hörer, hätte bei Zachäus nicht weitergeholfen. Ob er auch nur einen Rasierspiegel besessen hat, ist ungewiss, vor 2000 Jahren trug man in Israel naturbelassenen Vollbart. Jericho, seine Heimatstadt bedeutet zwar „die Duftende“, aber das bezog sich eher auf den üppigen Wuchs exotischer Edelpflanzen in der Gegend. Die Spuren, die Zachäus seinen eigenen Anblick verleidet haben dürften, die gehen tiefer als Lachfalten. Es sind die Riefen und Furchen, die faule Kompromisse und falsche Lebensentscheidungen hinterlassen. „Einer muss den Job ja machen“, „Es gibt welche, die sind noch wesentlich schlimmer, als ich.“ „Ich muss ja schließlich auch für meinen Lebensunterhalt sorgen.“

So lauten seit alters her die Sprüchlein, die beruhigen sollen. Aber deren Wirkung verfliegt schneller, als der Duft von Eau de Toilette. Tiefenwirkung und Nachhaltigkeit haben sie keine. Zachäus ist Zöllner von Beruf. Das darf man nicht mit den ehrenwerten Zollbeamten verwechseln, die heutzutage Grenzen sichern oder Zigarettenschmuggler jagen. Zachäus arbeitet eng mit der Besatzungsmacht in Israel zusammen. Er ist ein Kollaborateur der verhassten Römer. Von denen hat er das Recht gepachtet, seinen Landsleuten Wegezoll und andere Gebühren abzupressen. Eine sehr gerissene Konstruktion: Die Römer haben zwar ihren Götterhimmel und vieles andere Nützliche aus eroberten Völkern importiert. Aber als Verwaltungsfachleute waren sie unübertroffen.

Und erstaunlich weitblickend. Steuern, Abgaben und Gebühren, das alles ist ja seit je her unbeliebt. Die Römer verpachteten die Zwangsabgaben zu Festpreisen oder versteigerten sie an den Meistbietenden. Das gibt Vorkasse. Und der unvermeidliche Ärger richtete sich auf andere. Auf Zächäus zum Beispiel. Er hatte sich als Zöllner selbst aus der Gemeinschaft ausgegrenzt. Mit so einem will niemand etwas zu tun haben, auch privat nicht. In der Gemeinde, der Synagoge erst recht nicht. Er hat einen hohen Preis für sein Geld bezahlt. Und er wird das täglich gemerkt haben. Denn die sündhaft teuren Feriendomizile und Nobelrestaurants waren noch nicht erfunden, in denen sich heute die Menschen verstecken können, die sich für viel Geld verkauft haben. Online – Rollenspiele gab es auch noch nicht, in denen man sich selbst ganz neu erfinden kann. Geld hat Zachäus genug, sich selber hat er längst verkauft. Er scheint es zu ahnen. Ob er Gott sucht, voller Sehnsucht? Zachäus weiß wohl selbst nicht recht, wonach er Sehnsucht hat. Er wird gefunden werden.

Sprecherin: (Lukas 19, 1 – 4, nach Luther ´84)
„Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch.
Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.
Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen, denn dort sollte er durchkommen.“

Musik 1

Wie ein Maulbeerfeigenbaum aussieht, das habe ich im Internet gefunden. Er wird 6 bis 15 Meter hoch, das reicht, um aus seinen Ästen heraus einen Überblick zu haben. Zachäus ist klein, das macht ihn zum Helden ungezählter Kindergottesdienste. Ob sich unsere Kleinen aber über die Körpergröße hinaus mit dem kleinen Zachäus leicht identifizieren können, bezweifle ich. Doch vielleicht erklärt seine Kleinwüchsigkeit etwas von seinem Werdegang. Zu kurz gleich zu kurz gekommen, das müssen manche überkompensieren durch ganz besonderen Ehrgeiz. „Die Geschichte Europas wäre wohl anders verlaufen, wenn Napoleon Buonaparte 10 cm größer gewesen wäre“, sagte mal jemand. Und die Geschichte dieses Zachäus wäre es wohl auch. Dessen Name bedeutet „der Gerechte“ und das wird in den Ohren seiner Kunden wie Hohn geklungen haben. Auch in seinen eignen. Denn er weiß ja, dass er ein Betrüger ist. Ein reicher Betrüger. Ein Boss der Ausbeuter seines Volkes. Aber was er wirklich sucht, das kann man nicht kaufen: Einen guten Ruf, wahre Größe, Integrität, Ausstrahlung, Liebe, Gelassenheit, Weisheit. Das alles hat er von dem Mann gehört, den er unbedingt sehen will. Deshalb steigt Zachäus auf einen Baum, einen Baum mit buschiger Krone, die tarnt ihn vielleicht. Und Zachäus erlebt die Überraschung seines Lebens.

Sprecherin: (Lukas 19, 5 – 6)
„Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter, denn ich muss heute in dein Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“

Ist Ihnen aufgefallen, was Jesus hier alles nicht gesagt hat? „Zachäus, wie kannst du dich nur an die Römer verkaufen? Wie kannst du nur gegen dein eigenes Volk arbeiten? Lass ab vom Betrug, bessere dich, kehr um, sonst bist du verloren.“ Zachäus ist längst verloren und er weiß das auch. Wie ein anderer verlorener Sohn Israels. Dem kommt sein Vater entgegen. Und auch der sagt nichts von all dem, was man so erwarten könnte: „Hab ichs Dir nicht gleich gesagt? Aber nein, Du musstest ja unbedingt deinen Willen haben. Bei den Schweinen bist du gelandet, und so riechst du jetzt auch. Und nun, wo es dir schlecht geht, da kommst du wieder angekrochen…“ Warum fehlen hier die hochmoralischen Ermahnungen, die geißelnden Anprangerungen und Forderungen zur Besserung? Charles Haddon Spurgeon, ein ganz Großer unter den Predigern, sagte einmal: „Wenn du beweisen willst, dass ein Stock krumm ist, dann mach nicht viele Worte sondern leg einen geraden Stock daneben.“ Der verlorene Sohn begegnet einem großartigen Vater und der sittlich – moralische und charakterliche Zwerg Zächaus begegnet dem Leben selbst. Und hier wie da regiert die Freude.  Nun ja, nicht bei allen und die anderen melden sich auch gleich zu Wort.

Sprecherin: „Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“

Nicht zu schnell die Nase rümpfen über die, die hier die Nase rümpfen. Das sind die Guten, und der ältere Bruder des verlorenen Sohnes, das war der Musterknabe. Niemand sollte ihnen vorschnell vorwerfen, dass sie die Gnade Gottes nicht begreifen können und vom Messias alles andere erwartet hätten. Ob bei dem „sie alle“ auch die Jünger Jesu mitgemeint sind? Wundern würde mich das nicht, denn bis heute tönt des frommen Volkes Stimme selten anders.

Musik 2

Muss man sich Gnade nicht auch erst verdienen? Kann man nicht Vorleistungen erwarten? Reue, erste Schritte auf dem Weg zur Besserung, strebendes Bemühen, das dann erst eine Belohnung findet? Dass Menschen so was denken, kann man an aktuellen Begnadigungsdiskussionen ablesen. Die Murrenden hier dürften kaum anders gedacht haben. Aber Gott verschenkt seinen Gnade, und Jesus sucht nicht die Gemeinschaft mit einem geläuterten Zachäus, sondern mit dem verlorenen Sünder. Das ist anstößig geblieben.
Zachäus irritiert die Gnade Gottes nicht, denn sie gilt ja ihm und die Begegnung mit diesem Jesus verändert sein Leben. Und zwar, ohne das der irgendeine Forderung an ihn gestellt hätte. Eine schon: „Heute muss ich bei dir zu Gast sein.“ Aber davon hätte Zachäus nicht einmal zu träumen gewagt.

Sprecherin: (Lukas 19, 8)
„Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“

Zachäus ist nicht kleinlich, er geht bei seiner Wiedergutmachung weit über das hinaus, was man erwarten kann. Der Kleine zeigt Größe. Der Gott, der ihm in Jesus begegnet ist, der ist ja auch nicht kleinlich und das ist nun sein Lebensmaß. Denn hier hat eine echte Umkehr stattgefunden. Ja, sogar ein Herrschaftswechsel. „Mein Gott, das viele Geld.“ So mögen eventuell seine Frau und seine Verwandtschaft mit Blick auf das geschrumpfte Erbe gedacht haben. Aber sein Gott ist nun nicht mehr das viele Geld. Das ist nur noch Edelmetall in einem Sack, eine Zahl auf einem Stück Pergament in der Bank von Jericho. Nicht mehr. Die Begegnung mit Jesus hat Zachäus selbst verändert und das verändert auch die Umstände seines Lebens. Er gehört nicht mehr dem Gotte Mammon und der Herrin Pekunia. Er hat zurückgefunden ins Vaterhaus. Jesus sagt das so:

Sprecherin: (Lukas 19, 9 – 10)
„Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Was mich persönlich fasziniert an dieser facettenreichen Geschichte, das ist das eine Wort: Zachäus. Mein eigner Name, Wolfram Krebs, der passt da auch hinein. Da kommt der Mann vorbei, der all das ist, was ich bei mir vermisse. Der kennt mich und der spricht mich an mit meinem Namen. Das hab ich nicht gesucht, doch der hat mich gefunden. Denn der hat mich gesucht, wie Jesus den Zachäus. Und frei gemacht zu einem neuen Leben.

Manchmal verändert das so sehr, dass sich das Leben auch ganz äußerlich verwandelt. Ich war Soldat und jetzt bin ich Pastor der Friedenskirche in der Rheinaustrasse in Köln. Zachäus ist nach allem, was wir wissen, ein Oberster der Zöllner geblieben. Die äußeren Formen seines Lebens sind geblieben. Doch Jesus hat sein Leben heil gemacht.

Musik 3

Audiobeitrag Zachäus


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