Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.06.07, 5.56 Uhr, Antje Borchers

Mensch, rede mit mir!

Ich will wissen, was passiert ist! Du musst ehrlich zu mir sein! Mensch, rede mit mir! Das kann doch nicht so schwer sein. – Dass Reden manchmal ziemlich schwer ist,

das zeigt ein Film, der gerade in den Kinos läuft. Er heißt »1:1 – Auge um Auge«. Der Film erzählt eine Romeo-und-Julia-Geschichte in einer Hochhaussiedlung in Kopenhagen: Die Dänin Mie und der Palästinenser Shadi lieben sich. Doch ihr junges Glück wird jäh gestört, als Mies Bruder Per von Unbekannten brutal zusammengeschlagen wird. Per fällt ins Koma. Ab jetzt redet niemand mehr so richtig mit dem anderen. Und das Misstrauen wächst. Shadi zum Beispiel verdächtigt seinen älteren Bruder Tareq und der spürt das:

O-Ton: Tareq: „Hey Mann, ich sprech mit dir. Warum bist du so zu mir?“
Shadi: „Tareq, ich bin dein Bruder, ich will wissen, was passiert ist.“ (…)
Tareq: „Ey Mann, wir haben uns ein bisschen geprügelt und er hat sich eine gefangen, das ist schon alles.“

Autorin: Shadi ahnt, dass das nicht die Wahrheit ist. Warum kamen Tareq und sein Freund ausgerechnet an dem Abend, als Mies Bruder Per verprügelt wurde, mit blutenden Nasen nach Hause? Als Shadi mit seiner Freundin Mie telefoniert und sie ihn um Hilfe bittet, weicht er ihr aus.

O-Ton (Shadi und Mie unterhalten sich): Shadi: „Gibt’s was Neues?“ –
Mie:  „Nee. Hast du was gehört?“ –
Shadi: „Nee.“ –
Mie: „Keine Gerüchte oder so was?“ –
Shadi: „Sag ich doch.“ –
Mie: „Fragen darf man ja wohl.“ –
Shadi: „Unbedingt?“ (…)

Autorin: Was Shadi befürchtet, will er seiner dänischen Freundin nicht sagen, denn damit würde er seinen Bruder belasten. Mie denkt sich ihren Teil und erzählt davon den Freunden von Per. Wenn Tareq bloß geredet hätte! Aber wie Shadi selbst hat auch der Bruder guten Grund, nicht offen zu sein. Er war am Freitag tatsächlich in eine Prügelei verwickelt – in eine harmlose zwar, aber würde er das zugeben, wäre seine sportliche Laufbahn am Ende. Denn wer sich prügelt, darf nicht mit zu den dänischen Box-Meisterschaften.
Der Film 1:1 zeigt beklemmend: Wo nicht geredet wird, entstehen Gerüchte. Vorurteile verfestigen sich – und damit die Angst.
Am meisten Angst vor den Ausländern hat Mies Oma. Sie hat noch nie mit einem Ausländer persönlich gesprochen. Was sie weiß, das weiß sie aus den Medien. Auf einmal steht Shadi vor der Tür, er will doch reden, aber Mies Oma lässt ihn nicht rein.

O-Ton 12 (20 sec): Oma: „Du verschwindest jetzt. Mie will nicht mit dir reden.“
Shadi: „Ich muss Mie aber etwas sagen.“
Oma: „Sie hat dir aber nichts zu sagen. Wenn du jetzt nicht gehst, dann rufe ich die Polizei.“
Shadi: „Polizei??“
Oma: „Du willst es ja nicht anders!“
Shadi: „Wie bitte? Mie!“
Oma: „Lern erst mal, dich zu benehmen, dann kannst du wiederkommen.“
Shadi: „Wie, ich soll mich benehmen?“
Oma: „Ja, das sollst du!“
Shadi: „Ich hab doch überhaupt nichts getan.“
Oma: „Also, ihr kommt und macht nur Probleme und Ärger.“
Shadi: „Ihr?“ (…)

Autorin: Shadi wollte reden. Aber das reicht nicht. Es muss auch jemand zuhören. Muss zuhören wollen. Sonst schraubt sich die Spirale von Angst und Gewalt immer weiter nach oben. Wie in dem Film. Die Freunde von Mies Bruder nämlich nehmen die Gerüchte für bare Münze und sagen sich: 1 zu 1, Auge um Auge, und beginnen ihre Hetzjagd auf den Ausländer – auf Shadi. Um ihren Freund Per zu rächen. Nicht Auge um Auge, hat schon Jesus gesagt. Nicht Zahn um Zahn. Stattdessen: Liebt eure Feinde. Das kann heißen: Hört ihnen zu, sprecht mit ihnen. Vielleicht stellt sich sogar raus, es sind gar nicht eure Feinde.


 

Audiobeitrag Mensch, rede mit mir!


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