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Reisen
Wie, was macht Ihr? Ihr geht Zelten? Das hätte ich von dir nicht gedacht. Meine Nachbarin schaut mich mitleidig an. Also, das käme für sie überhaupt nicht in Frage.
Auf dem Boden schlafen und in ein Sammelklo kaken nee, dafür sei sie einfach zu alt. Und das ganze Ungeziefer, igittigitt. Da lobe sie sich doch ihren Cluburlaub, all inclusive, plus Kinderbetreuung. Weil ich ein höflicher Mensch bin, bleibe ich ruhig, obwohl es mich innerlich schüttelt. Ein Cluburlaub, das wäre für mich das allerletzte! Womöglich noch mit Animationen bis spät in die Nacht.
Da beneide ich schon eher meine Freundin Anne. Die packt regelmäßig im Herbst das Reisefieber. Dann rennt sie in die Stadtbibliothek und leiht sich ein ganzes Dutzend Reiseführer aus. Also, ich hab jetzt gehört Vietnam ist der ultimative Reisetipp, erzählt sie mir. Klar, sie kennt viele, die so leben wie sie. Arbeiten bis zum Anschlag und dann nix wie weg. Ab nach Indien oder Thailand, Laos oder doch vielleicht doch mal nach China. Neulich da war sie in Burma. Seitdem ist sie Buddhistin, meditiert und unterstützt dort ein Hilfsprojekt. Reisen das ist das Thema Nummer eins unter Deutschen. Trotz Wirtschaftsflaute eine Wachstumsbranche. Doch Reisen, was ist das eigentlich, worum geht es da? Außer möglichst lange, möglichst billig und möglichst weit?
Mein Freund Tom reist nicht mehr. Er mache nur noch Urlaub, wie er mir erklärt. Zwar fahre er noch weg, um sich zu erholen. Aber Reisen, das tue er nur noch zu Hause. Meist reise er in seine Vergangenheit, erzählt er. Überlege, warum er immer noch keine Familie hat. Warum er sich immer in seine Arbeit geflüchtet habe oder auf ferne Kontinente. Immer möglichst weit weg sein wollte. Vor allen Dingen von sich selbst von seinen Gefühlen. Denn die haben sich spätestens dann gemeldet, wenn er mal so richtig zur Ruhe kam. So unangenehme Gefühle wie die Angst vor Nähe und vor Bindung.
Mein Freund Tom hat mich beeindruckt. Klar, die Unterscheidung von Urlaub und Reisen kenne ich auch. Aber bei sich selber ankommen, das ist doch eigentlich das wichtigste Reiseziel im Leben. Bei sich selbst ankommen, innehalten und schauen, warum man auf dieser Erde ist und wie man eigentlich weiterleben will.
Diese Reise in mein Innerstes ist sicherlich die spannendste und weiteste Reise, die ich je machen kann. Die mich in ein Land führen wird, ohne Namen, das ich mir selbst erst noch erschließen muss. Wo man sie macht, die Reise zu sich selbst, ist doch eigentlich egal. Dafür gibt es kein Geheimrezept. Der eine tut das zu Hause, die andere in Burma, der dritte auf dem Zeltplatz in Italien. Hauptsache, man ist unterwegs im Leben, unterwegs zu sich selbst, zu einem sinnerfüllten Leben.
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