Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.06.07, 13-14 Uhr, Christof Großheim

Steine im Magen

Sprecher: Vor ein paar Tagen wollte ich mir einen ruhigen und schönen Abend machen. Nachdem ich mir ein leckeres Essen gekocht und es samt des Nachtisches verdrückt hatte,

stellte ich mir eine Schale Chips zu recht, und machte mir einen  Obstteller. Endlich ein freier Abend, eigentlich wollte ich im Netz surfen, doch während ich meinen Schreibtisch frei räume, fällt mir ein Buch in die Hände, das ich  von meinem Vater bekommen habe. Darin eine Geschichte von Uroma. Ich lege mich auf die Couch und schlage ihre Geschichte auf. Sie schreibt wie schwer die Kriegszeit war und ich greife immer wieder gespannt in die Chipsschale.

Sprecherin: „Jeder Tag hatte nur den einen Sinn, man hat versucht zu überleben. Wir haben oft stundenlang mit den Marken angestanden, um ein kleines Stück Brot für die ganze Familie zu bekommen und einmal ist unser Jüngster mit dem Brot nach hause gekommen und hat sich heimlich auf dem Dachboden versteckt und das ganze Brot allein aufgegessen. Als seine Brüder und ich ihn nach langem Suchen entdeckten, schaute er uns ängstlich an und weinte bitterlich, er wimmerte: „Auch wenn ihr mich jetzt tot schlagt, ich war wenigsten einmal im Leben richtig satt!“

Ich habe das Buch zur Seite gelegt und mich angesehen. Satt war ich ja nun schon lange und der Obstteller, die Chips standen da, und ich habe so gedacht: Ich brauche euch nicht, um meinen Hunger zu stillen, ich hab nur Langeweile. Aber viele tausend Menschen könnten ein kleines Stück Brot gebrauchen. Das war früher so und ist heute noch so. Meine Uroma hat mir dafür wieder die Augen geöffnet.

Sprecher: Michael Birgden

Audiobeitrag Steine im Magen


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