Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.06.07, 6.56 Uhr, Pfarrer Ralph Frieling

Versuchungen

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! „Vater unser im Himmel...“, das Gebet der christlichen Kirchen auf der ganzen Welt.

Es steht in der Bibel, Jesus hat es seinen Zuhörern in der Bergpredigt vorgesprochen. Seither gehört das Vater Unser in jeden Gottesdienst. Vertraute Worte, oft sind sie so dahin gemurmelt. Wenn ich genauer hinschaue auf die einzelnen Bitten, dann stutze ich. Heißt es doch: „Und führe uns nicht in Versuchung.“

Offenbar kann Gott das, uns in eine Versuchung führen. Im griechischen Text des Neuen Testaments steht da ausdrücklich „Führ uns nicht hinein in die Versuchung“.

Gott führt uns - ein vertrauter Gedanke wie im 23. Psalm. „Der Herr ist mein Hirte. Er führet mich zum frischen Wasser. Er führet mich auf rechter Straße.“ Nicht im Traum rechnet der Psalmbeter damit, dass Gott ihn auf Abwege führt und in Versuchungen. Gott ist der gute Hirte, der ihn auf guten Wegen sicher zum Ziel führt.

Im Vater Unser ist es anders. Es ist immerhin von der Möglichkeit die Rede, dass Gott uns in die Versuchungen führt. Unser Leben, auch als Christen, ist keine perfekt gebuchte Tour auf sicheren Wegen. Ein Gedanke, an den wir uns erst einmal gewöhnen müssen: Gott mag uns in die Versuchung führen. Ein unbequemer Gedanke. Und so manche Theologen in der Kirchengeschichte hatten ihre Schwierigkeit mit dieser Vorstellung. Am liebsten hätten sie die Bitte umformuliert. Etwa: Lass uns nicht unserer Versuchung erliegen oder: lass uns einander nicht in Versuchung führen. Aber nein, da steht: führe du, Vater, uns nicht in Versuchung.

Das heißt aber auch: Gott kennt unsere Versuchungen. Gott ist in allem dabei, mitten im Leben, erkennt die Höhen und die Tiefen und die Abgründe unseres Lebens. Unsere Abwege sind Gott vertraut. Gott weiß, wovon wir uns verführen lassen. Da sind nicht Diätsünden mit gemeint oder kleine Verlockungen, denen wir mit einem Augenzwinkern erliegen, nach dem Motto von Oscar Wilde, der sagte: „Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.“

Mit den Versuchungen im Vater Unser sind handfeste Sünden gemeint, zum Beispiel die Gier nach Geld auf anderer Leute Kosten oder die Freude daran, andere zu beeinflussen und sie klein zu machen. Oder die Lust an Abenteuern an der Treue vorbei. Gott kennt unsere Abgründe gut. Das schlimme an der Versuchung ist, dass wenn ich ihr erliege, ich nicht mehr unterscheiden kann zwischen gut und böse, zwischen richtig und falsch.

Gott kennt unsere Abgründe, aber er weiß auch, wie wir an ihnen vorbei laufen können. Wenn es heißt „Führe uns nicht in Versuchung“, dann höre ich daraus: Gott, ich weiß, dass ich den Versuchungen zum Bösen nicht ernsthaft wiederstehen kann; deshalb erlöse mich von dem Bösen.

 

Audiobeitrag Versuchungen


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