Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.06.07, 8.56 Uhr, Pfarrer Ralph Frieling

Und vergib uns unsere Schuld

Liebe Hörerinnen und Hörer, guten Morgen! Jemandem zu vergeben, ist außergewöhnlich. Normalerweise zahlen wir es ihm oder ihr heim, entweder sofort oder auch Tage,

manchmal Wochen später. Sei es auf dem Schulhof oder auf der Autobahn, sei unter Kollegen oder in der Familie: Die Kränkung, unverschämtes Verhalten, die dumme Bemerkung, den Betrug lassen wir in der Regel nicht auf uns sitzen. Wir revanchieren uns, reflexartig. Das ist wie bei einem Gummizug. Wenn wir übervorteilt oder verletzt werden, spielen wir den Ball mehr oder weniger aggressiv zurück. Oder warten auf die nächste Gelegenheit. Man muss ja nicht gleich handgreiflich werden. Wir vergelten es dem anderen auch, indem wir ihn wie Luft behandeln oder schlecht machen. Uns wird schon etwas einfallen. Rachegefühle sind etwas Natürliches.

So gesehen ist es fast unnatürlich, jemandem zu vergeben. Weil die Vergebung niemand erwarten, geschweige denn einfordern kann. Vergebung ist wie ein Neuanfang. Sie zerbricht den Teufelskreis „Wie du mir, so ich dir.“ Jemandem in einer bestimmten Situation zu vergeben, ist für den anderen verblüffend, entlastend, es tut gut.

Vergib uns unsere Schuld, heißt es im Vater Unser, dem Gebet, das uns von Jesus überliefert ist. Die Vergebung ist zwar überraschend, aber sie ist so wichtig wie das tägliche Brot. Mit der Bitte „Vergib uns unsere Schuld“ stellen wir uns der Tatsache, dass wir alles andere als ohne Schuld sind, dass wir die Widersprüche in unserem Leben nicht selber ausgleichen können. Mit dem Gebet werde ich mir bewusst: ich kann schuldig werden vor Gott und vor den Mitmenschen, und zwar ganz konkret und, wenn ich drüber nachdenke, heute ist es vielleicht wieder passiert.

Wie merke ich, dass Gott mir vergibt? Wohl darin, dass ich es selber tun kann. „Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, heißt es. Es ist leicht, Gott, der so groß ist, um Vergebung zu bitten. Und es kann extrem schwer sein, dem kleinlichen Kollegen zu vergeben oder der Mitschülerin oder Onkel Theodor. Es kann eine Zumutung sein.

Vergeben heißt auch nicht einfach alles „vergessen“. Sondern es heißt: Im Wissen um die Fehler des anderen einen neuen Anfang machen. Die Schuld verzieht sich dann wie in einem Bild beim Propheten Jesaja, aus der Natur abgeguckt. Gott sagt da: „Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie einen Nebel.“ (Jes 44,22)

Ein schönes Bild für Vergebung: Der Nebel weicht der Sonne, die Wolke wird vertrieben. Die Sonne und das Licht bleiben. Gott will uns befreien von allem, was unser Leben verdüstert und vernebelt. Wo immer wir Vergebung erfahren und schenken können, lichten sich die Schatten.

 

Audiobeitrag Und vergib uns unsere Schuld


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