Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.06.07, 7.50 Uhr, Pfarrer Ralph Frieling

Vater unser

Einen guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Beten heißt mit Gott reden. Aber wie stellt man das an? - Na ja, man setzt sich hin, schließt die Augen und sagt was.

Aber was soll man sagen? Wenn die Gedanken im Quadrat springen oder wenn die Worte fehlen? Wie kann man beten? Diese Frage hatten die zwölf Jünger auch, so steht es im Lukasevangelium. Eines Tages sahen sie, wie Jesus an einen einsamen Ort ging, um mit Gott allein zu sein. Als er zurückkam, warteten die Freunde auf ihn. Sie hatten sich ihre Gedanken gemacht. Sag uns, Jesus, wie man das macht, das Beten. Was sollen wir Gott sagen?

Jesus schaute sie an: Wenn ihr betet, dann sprecht so: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name... - Den Rest kennen Sie. Vertraute Worte, das Vater Unser. So oft gehört und so oft gesprochen, dass man sich fragen mag, ob dieses Gebet Gott und uns eigentlich neues zu sagen hat.

Ich gehe wie mit einer Lupe über dieses Gebet Jesu und schaue genauer hin. Und bleibe gleich bei den ersten Wörtern hängen: Vater unser, Vater.

Zur Zeit Jesu war das im Judentum noch relativ neu, Gott als Vater zu bezeichnen. Hundert Namen hat Gott in der Bibel, tausend Namen in der Tradition, er ist König, er ist der Barmherzige, der Schöpfer, der Hirte, der Gewaltige, der Herr des Himmels und der Erde, all das ist Gott und noch viel mehr, und beim Propheten Jesaja im Alten Testament möge er die Menschen trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Und jetzt, bei Jesus, ist er Vater, Abba im Hebräischen, „Papa“, wie es Kinder sagen. Jesus hat seinen Jüngern bei gebracht, Gott so vertraut zu sehen wie ein Elternteil, das sich über die eigenen Kinder freut, über die kleinen Kinder und über die erwachsenen.

Das Wort „Vater“ löst viele Gedanken und Assoziationen und Erinnerungen aus. Einen Vater hat jeder. War er zärtlich? War er hart? Wie hatte er sich verändert? War der Vater da oder war er gegangen? War er nahe oder unnahbar? Jesus nennt Gott Vater und spielt damit auf das Vertrauen an in der Vaterrolle, auf das Fürsorgliche, auf die Liebe. Solche Anteile von Nähe und Zugewandtheit werden die meisten von ihrem eigenen Vater her kennen. Andere vielleicht nicht. Bei anderen war der Vater vielleicht immer unnahbar geblieben oder hart oder einfach nur schwach. Und weil der eigene Vater so gar nichts fürsorgendes hatte, sondern womöglich gleichgültig war oder gar gewaltbereit, deshalb fällt es manchen schwer, Gott Vater zu nennen.

Jesus meint einen Vater wie er sein soll: er kennt dich, wie du bist. Er ruft dich bei deinem Namen, er liebt dich und nimmt dich ernst. Ein Idealbild eines Vaters. Ein Bild von Gott, der nicht nur im Himmel wohnt, ganz weit weg, sondern der uns nahe kommt. Uns schon immer nahe gewesen ist. Gott, unser Vater: Das macht uns zu seinen Kindern.

 

Audiobeitrag Vater unser


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