Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.06.07. 7.50 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener (Choralandacht)

Brunn allen Heils - ein Kosename für Gott? (EG 140)

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Kosenamen, mögen Sie Kosenamen? Gehören Sie zu denjenigen, die immer wieder neue Namen erfinden…für Ihr Enkelkind, Ihren Sohn,

Ihre Tochter, den Partner, die Partnerin? Haben Sie selbst einen Kosenamen oder vielleicht sogar mehrere? ‚Goldfisch’…so nannten wir unser erstes Kind, so lange es in meinem Bauch war. Kaum war es geboren erfanden wir neue Namen: Mausebär, Sternchen, Süße…und wieder veränderten sie sich, als unsere Madame größer wurde: Da gab es auch schon mal ein „du freche Ratte“ oder „alter Lümmel“ zu hören.

Wunderbar, kitschig, überschwänglich, zärtlich sind auch die Namen, die Liebende füreinander erfinden: Meine Schönste, mein Herzblatt, du mein Prinz, mein Nimmersatt, mein Einundalles… .

Die Liebe ringt immer wieder neu nach Worten für ihr geliebtes Gegenüber. Die Liebe braucht mehr als nur einen Namen, Hans oder Lisa, Anna oder Paul…- das reicht doch nicht hin für die vielen Gefühle, die Süße, die Lust, die Innigkeit, die Liebende in ihrem Herzen fühlen.

Choral: „Brunn alles Heils, dich ehren wir und öffnen unseren Mund vor dir. Aus deiner Gottheit Heiligtum dein hoher Segen auf uns komm.“

Brunn alles Heils, dich ehren wir und öffnen unseren Mund vor dir….! Gott ist das große DU, das hier besungen wird, daran lässt dieser Text aus der Mitte des 18. Jahrhunderts keinen Zweifel. Brunn alles Heils - ein starkes Bild für die lebensspendende Fülle, der wir alles Glück, alle Erfüllung verdanken und der deshalb Lob und Preis gebührt. Brunn alles Heils - ein Kosename für Gott? Ein Name…der Liebe entsprungen? Der Liebe eines Menschen zu Gott?

Gerhard Tersteegen heißt der Dichter, dem dieser Name aus der Feder geflossen ist und betrachten wir sein Leben, dann müssen wir sagen: Ja, es ist ein Kosename. Denn Gerhard Tersteegen hatte sein Leben der Liebe zu Gott verschrieben – so radikal, wie das bei evangelischen Christen nur selten zu finden ist. Er wurde 1697 in Moers geboren und entdeckte nach mancherlei Umwegen, dass er nicht wie die meisten anderen leben und arbeiten konnte. Die Lehre als Kaufmann brachte ihm keine Erfüllung, der Arbeit als Leineweber war er körperlich nicht gewachsen. Er lebte zurückgezogen, studierte fromme und mystische Schriften, widmete seine freie Zeit dem Gebet und der Meditation. Als er 25 Jahre alt war, erfasst ihn eine tiefe Gewissheit. Es ist die unumstößliche Gewissheit, dass „Gott ist“. Ein unglaublich beglückender Augenblick. Gott ist, mehr noch: Gott ist ein liebender Gott, der nicht aufhört die Menschen mit seiner Gnade, mit seiner Kraft zu erfüllen und zu beschenken. Am Gründonnerstag 1724 hat er dieses Glück auf für uns äußerst eigenartige Weise besiegelt: Er übergibt sein Leben an Jesus Christus …in einem Brief. Mit eigenem Blut geschrieben.

Sprecher: “Meinem Jesu! Ich verschreibe mich dir, meinem einigen Heiland und Bräutigam Christo Jesu. Von diesem Abend an sei dir mein Herz und ganze Liebe auf ewig zum schuldigen Dank ergeben und aufgeopfert. Dein Geist weiche nicht von mir. Ja, Amen. Gerhard Tersteeegen“

Choral: Brunn allen Heils, dich ehren wir und öffnen unseren Mund vor dir. Aus deiner Gottheit Heiligtum dein hoher Segen auf uns komm. Der Herr, der Schöpfer bei uns bleib, er segne uns nach Seel und Leib, und uns behüte seine Macht, vor allem Übel Tag und Nacht. Der Herr, der Heiland, unser Licht, uns leuchten lass sein Angesicht, dass wir ihn schaun und glauben frei, dass er uns ewig gnädig sein. Der Herr, der Tröster ob uns schweb, sein Antlitz über uns erheb, dass uns sein Bild wird eingedrückt und geb uns Frieden unverrückt. 

Brunn alles Heils - dieses Lied beschreibt den Gott, der Gerhard Tersteegen inneren Frieden schenkte, der ihn durch sein Leben trug:
Gott in seiner Gesamtheit – wie ein unermesslicher Brunnen, aus dem Segen fließt. Gott in seiner Dreiheit: Als Schöpfer der Welt, der uns behütet vor Übel Tag und Nacht. Als Heiland und Licht, das über uns leuchtet, auf dass wir freien Herzens glauben können. Und Gott als tröstender Geist, der uns Frieden schenkt.

Wie viele unterschiedliche Namen und Bilder für Gott sind in diesem kurzen Lied versteckt? In der fünften und letzten Strophe fügt Tersteegen sie noch einmal zusammen, nennt Vater, Sohn und Heiliger Geist und endet wieder beim Bild des Brunnens, das für ihn am besten die Gesamtheit Gottes zu fassen scheint: „Segensbrunn, der ewig fließt, durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl, mach uns deins Lobs und Segens voll“.

Choral: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, o Segensbrunn, der ewig fließt, durchfließ Herz. Sinn und Wandel wohl, mach uns deins Lobs und Segens voll.

Vater Unser im Himmel heißt es im bekanntesten Gebet der Christen, im Vater Unser. „Himmlischer Vater“ so begannen und beginnen viele Gebete in unseren Gottesdiensten. Ein Hinweis darauf, dass wir Menschen Gott nicht ermessen können, dass dieser Gott all unsere Vorstellungen von Raum und Zeit übersteigt…dass er immer größer und anders ist, als das, was wir mit unseren Augen erkennen können.

Ich selbst vergleiche Gott auch gerne mit der Erde. Sie ist immer schon da. Sie empfängt mich jeden Tag neu…ganz egal wie zerknittert ich aus meinem Bett steige. Sie hält mich aus, trägt und erträgt meine Schritte. Sie ist mir ein verlässlicher Grund, auf dem ich stehen kann, auf den ich bauen kann. Wie Gott eben auch…verlässlich. Er weicht mir nicht aus, er trägt mich….so viele Jahre nun schon.

Auch Gerhard Tersteegen legte sich nicht fest auf ein Bild, auf einen Namen. Er nennt Gott  Vater, Sohn und Heiligen Geist und Segensbrunnen in ein und demselben Lied. In anderen Liedern erfindet er weitere Namen für Gott. In einem seiner bekanntesten Lieder: „Gott ist gegenwärtig“ heißt es:

Sprecher: "Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben
Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder, ich senk mich in dich hinunter.
Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden."

Die Liebe braucht mehr als nur einen Namen. Das gilt für Menschen und auch für Gott. Jeder Name spiegelt einen Aspekt, eine Facette des geliebten Gegenübers, niemals aber alles.

Lieder wie dieses von Gerhard Tersteegen machen es uns vor. Sie ermutigen, Gott anzusprechen, ihn bei Namen zu nennen und dabei mit Bildern nicht zu geizen, sondern aus der Fülle zu schöpfen.

Das war Kirche in WDR 3 mit  Pfarrerin Antje Rösener aus Hattingen über den Choral “Brunn alles Heils “ (EG 140), einem Satz von Claude Goudimel und dem Text von Gerhard Tersteegen. Es sangen die Johannes-Kantorei Köln-Klettenberg unter der Leitung von Gerda Schaarwächter.

Audiobeitrag Brunn allen Heils - ein Kosename für Gott? (EG 140)


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen