Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.06.07, 8.56 Uhr, Präses Nikolaus Schneider

Psalm 116, 12

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, manchmal nach durchlittenen dunklen Tagen und Stunden blicke ich staunend auf den eigenen Lebensweg.

Und dann ich frage mich mit einem Wort aus dem 116.Psalm:  „Wie soll ich dem Herrn vergelten all seine Wohltat, die er an mir tut?“ Ehemals verzagt, kann ich dann  über Gottes Wohltat staunen.

Wider alle Erwartung hat das Schicksal sich gewendet, Nichts Gutes hatte ich mehr erwartet, in Gefahr und Not hatte ich schon alle Hoffnung fahren lassen.

Die Psalmen, liebe Hörerinnen und Hörer,  sind ein Spiegelbild unseres Lebens. Sie bilden unsere Wirklichkeit in vielen Facetten ab.  Sie beleuchten unsere Nöte und Ängste, unser Leid und unsere Zerrissenheit mit derselben Intensität wie unsere Gesundheit, Kraft, Freude und Glück.

Jede und jeder von uns kann mit Hilfe der Psalmen das eigene Leben zum Klingen bringen, kann eigenen Gefühlen Sprache verleihen. In den Psalmen haben auch unsere Enttäuschung und Verbitterung, unsere Klage und unsere Anklage gegen Gott ihren Ort. Die Psalmen geben Zeugnis davon, dass wir Menschen häufig genug zu kleingläubig waren und sind, weil wir oft gar nicht mit der realen Möglichkeit rechnen, dass Gott uns wirklich helfen und retten könnte.

Aber wenn Gott dann eingreift und hilft, was geschieht dann? Nur zu schnell gehen wir dann wieder zur Tagesordnung über und denken: tief durchatmen und weitermachen. Dann kommt der Alltag wieder mit all’ seinen Sorgen und Mühen, aller Arbeit, aber auch den Freuden, die der Alltag zu bieten hat. Es herrscht wieder das alte Denken verbunden mit dem Selbstanspruch: ich darf mich nicht hängen lassen, ich muss mein Leben in die Hand nehmen, für Wohltaten bin ich selbst zuständig. Wie anders klingt der Ton des Psalms. Er lässt Gottes Wohltaten an mir laut werden und führt zu der Frage: wie soll ich das vergelten, und zwar Gott vergelten?

Vielleicht ist diese Frage schon das Entscheidende und weniger das, was wir denn genau für Gott tun können. Denn die Frage führt in eine bestimmte Lebenshaltung hinein. Diese Haltung nimmt nicht alles selbstverständlich in Anspruch oder meint sogar, wir hätten ein Anrecht auf Wohltaten. Unsere offenen Augen und Herzen für die Wohltaten Gottes an uns führen unweigerlich zu  der Frage nach unseren Wohltaten für andere: für andere Menschen, für die, die auf unsere Wohltaten warten und auf sie angewiesen sind.

Wie soll ich dem Herrn vergelten all seine Wohltat, die er an mir tut? Wer so fragt, wird aufmerksam und sensibel für das Leben um ihn herum. Und zwar für das alltägliche Leben. Auch in ihm sind Wohltaten für andere notwendig, nicht allein bei großen Krisen oder Katastrophen. Es gibt so etwas wie die stille Dramatik im Alltag: wenn Menschen resigniert oder kapituliert haben und vom Leben nichts mehr erwarten; wenn sie sich still aus dem Leben zurückziehen und sich in ihrer Einsamkeit einrichten. Achtsamkeit im Alltag üben kann eine wohltuende Erfahrung für Verzweifelte oder Resignierte sein. Achtsamkeit im Alltag üben kann sogar noch mehr sein. Eine Antwort nämlich auf die Frage des Psalms: wie kann ich Gottes Wohltaten an mir vergelten?

Diese Frage wird auch die Menschen beschäftigen, die heute auf dem Kirchentag in Köln beim Feierabendmahl mit einander und mit Jesus Christus verbunden sind. Einen achtsamen Tag wünsche ich Ihnen allen, an dem Sie Gottes Wohltaten an sich erfahren oder andere sich ihrer Wohltaten erfreuen. 
 

Audiobeitrag Psalm 116, 12


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