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Das Fest gegen das Schweigen
Guten Morgen, ich heiße Michael Opitz und bin evangelischer Pfarrer in Düsseldorf. Pfingsten, ein Fest, mit dem kaum jemand noch etwas anfangen kann.
Fragen Sie mal Ihre Nachbarn, was die Kirche heute feiert, und Sie werden vermutlich ein verlegenes Achselzucken ernten. Ich behaupte: Pfingsten ist das Fest gegen das Schweigen, gegen das Verstummen.
CD : Oregon, Balahto LC-Nr. 8098
Musik lebt von der Spannung zwischen Klang und Stille, aus der Dynamik von Stimme und Verstummen darum geht es auch zu Pfingsten. Eine merkwürdige Geschichte steht in der Bibel. Pfingsten damals in Jerusalem...
Ein Schweigen lastet über der großen Stadt. Ein großes, graues Verstummen hat sich in ihren Mauern festgesetzt. Es geht darin um wie ein finsteres Gespenst. Über Jerusalem, jener großen Stadt, die eingehüllt und eingelullt ist von Lärm, Hektik und Marktgeschrei, liegt ein unerträgliches Schweigen. Seit Himmelfahrt, seit jenem Abschied Jesu von denen, die ihm nahe standen, ist in ihr eine ganz bestimmte Stimme verstummt. Jene Stimme, die bis dahin so hell und klar unter ihnen war, ist nicht mehr. Die Stimme, die ihnen Gottes neue Welt malte, jenes Wort, das heilte und stärkte, aufrichtete und zurechtwies, Dämonen vertrieb und ganze Wassermassen zur Ruhe brachte, das sie tröstete und erschütterte, Schuld wegnahm und Tote zum Leben erweckte, jenes Wort, das ihnen also schlicht gut tat, jenes Wort ist mit einem Mal nicht mehr, ist verstummt, verschwunden, als sei es in irgendein dunkles Loch gefallen.
Dann --- fällt Pfingsten vom Himmel. Das, was völlig unvorbereitet trifft, das, was niemand auf der Rechnung hat, kracht in gewohnten und abgenutzten Alltag der Menschen. Und es bringt die auf vielerlei Weise Verschiedenen zusammen und ermöglicht, dass sie sich verstehen.
Pfingsten vor 2000 Jahren. Pfingsten heute, in unseren Häusern, auf unseren Terrassen und Balkons. Schweigen lastet auch über unseren Städten. Hören Sie es auch? Schweigen über unseren Städten, die so laut und so lärmend sind durch die Industrie, durch den Verkehr, die so voller lauter Musik sind, die aus den Autos donnert, über den Städten voller schreiender Plakate und schreiender Menschen. Hören Sie das Schweigen in den Städten? Die Maschinen lärmen, aber sie schweigen. Die Autos heulen und hupen und röhren und rauschen zum Nachmittagskaffee, aber sie schweigen. An jeder Ecke stampft Musik, manchmal kommt sie aus meinen eigenen Boxen im Wohnzimmer, aber sie schweigt uns an. Menschen leben hier, oft zusammen mit einem, mit mehreren anderen, vielen anderen oder ganz allein, wechseln manches Wort, doch viele schweigen.
CD : Eberhard Weber, Too Early To Leave LC-Nr. 2516
Autor: Pfingsten erzählt von einem Wunder. Dass mitten im Schweigen, mitten im grauen Verstummen Menschen wieder miteinander reden, neu reden. Mitten im Schweigen widerfährt jenen Verschüchterten und Verstummten plötzlich etwas, kommt über sie, senkrecht von oben, mit Brausen und Feuer. Mitten im Schweigen erleben sie, dass mit ihnen etwas geschieht: Gott schweigt nicht, wo alle schweigen.
Sprecher: Unser Gott kommt und schweiget nicht
Autor: heißt es im 50.Psalm der Bibel (V.3): Der Gott der Juden und der Christen ist nicht stumm wie ein toter Götze. Nein, Gott redet von Anfang an. Er erschafft die Welt eben durch sein Wort:
Sprecher: Und Gott sprach...
Autor: Und Gott erhält die Welt durch sein Wort. Dieser Gott bringt seine Menschen neu zum Reden --- das ist Pfingsten! Das große Verstummen darf ein Ende haben.
CD: Yusuf, Heaven / Where True Love Goes LC-Nr. 06025 u. 1707205
Sprecher: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein...
Autor: Diese Worte Jesu stehen strahlend am Anfang der Apostelgeschichte, am Anfang der Geschichte der Kirche. Paulus dieser frühe Zeuge der Sprachmächtigkeit Gottes Paulus traut uns zu, traut auch uns zu, vom guten Willen Gottes für die Welt überzeugend zu sprechen, traut uns zu, selbst Zeugen zu sein für das Reden Gottes :
Sprecher: nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt... (1. Kor 2,13)
Autor: Und so werde ich, wenn ich dem guten Geist Gottes vertraue, es auch heute noch erleben, dass Menschen neu reden lernen: dass sie sich neu öffnen, miteinander sprechen, auch über das, worüber es uns vielleicht schwer fällt zu reden, dass sie den Mund aufmachen, wo gewöhnlich nur geschwiegen oder vertuscht wird, dass sie sich vor die Tore von Banken stellen, die den Krieg finanzieren, und von Werken, die mit ihren Produkten Gottes gute Schöpfung verderben, dass sie selbst Mund sind für die, die sich nicht wehren können: die missbrauchten Kinder, die geschlagenen Frauen, die verschlissenen Männer, die abgeschobenen Alten, die Flüchtlinge unter uns, die Schutz Suchenden, die Abgehängten, die für dumm Verkauften, die mit Schnaps und Fett auf den Tod Getauften und für all die vielen Verschwiegenen in Gesellschaft und Geschichte...
Wenn ich der Pfingst-Verheißung traue, werde ich mir auch keine Sorgen darum machen müssen, wie oder was ich bei Gelegenheit reden soll.Ich will dem Wort Jesu trauen:
Sprecher: Sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. (Mt 10,19)
Autor: Jenes gute, heilsame, tröstende und wegweisende Wort ist der Gemeinde, ist uns verheißen. Der Heilige Geist wird es uns, wo es nötig ist, in den Mund legen. Vor all dem, was uns die Sprache verschlägt, müssen wir seit Pfingsten nicht mehr kapitulieren. Pfingsten ist Ermutigung, unsere Stimme zu erheben und das Wort zu ergreifen.
Eine Beziehung, in der vorwiegend nur noch geschwiegen wird, muss seit Pfingsten nicht mehr sein. Ein Sterbebett, an dem nur noch betreten geschwiegen wird, muss seit Pfingsten nicht mehr sein. Gemeinschaften, in denen statt miteinander übereinander geredet wird, müssen seit Pfingsten nicht mehr sein. Eine Stadt, in der Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Verkehrstod und Luftvergiftung kein öffentliches Thema mehr ist, muss seit Pfingsten nicht mehr sein. Eine Welt, die längst nicht mehr über Hunger und Ausbeutung redet, muss seit Pfingsten nicht mehr sein. Eine Politik, in der die Waffen den Vorzug erhalten vor dem Gespräch, muss seit Pfingsten nicht mehr sein.
Ich könnte endlos weiter machen mit dieser Litanei des Leides, der Misere, oder: wir könnten immer weiter machen und immer kleinlauter werden und verzagter und würden irgendwann wieder verstummen
Wenn es so um uns bestellt ist dann will der Geist uns aufhelfen. Damit wir aufstehen aus der Senke der Resignation und des Fatalismus. Wo uns so wieder aufgeholfen wird, da erleben wir den Geist. So erfahre ich, begreife ich Pfingsten. Keine Feiertagsmelancholie mehr. Kein Blick auf deine lärmende, stumme Stadt, mit dem Gefühl: Das geht doch alles den Bach `runter
Pfingsten das Fest gegen das Schweigen. Ich wünsche Ihnen einen erfüllten Feiertag. Ihr Michael Opitz von der evangelischen Kirche
CD: Oregon, Renewal LC-Nr. 8098
Das Fest gegen das Schweigen
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