Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.05.07, 7.45 Uhr, Pastorin Ruthild Busch

Fingerprints

Sie sitzen zu dritt an einem Tisch in der Kantine – die neue Mitarbeiterin und ihre zwei KollegInnen. Wie jeden Montag erzählen sie sich von ihren freien Tagen.

“Sag mal, wie war eigentlich am Wochenende die Taufe von Bastian?“

„Schön“, sagt sie - die neue Mitarbeiterin – „war ein rundum gelungenes Ereignis – nur...“ „Was, nur “, fragt die Kollegin zurück. „Das einzige, was mich ein bisschen irritiert hat, war das Gebet oder der Taufsegen der Patentante von Basti. Das ging ungefähr so – ich hoff‘ ich krieg das noch zusammen -: „Möge Gott dich vor allem Bösen bewahren, damit  dir keiner was anhaben kann, dir nichts und niemand schadet. „Und – was ist daran komisch?“, fragt vorsichtig die andere Kollegin. „Ich weiß nicht – ist das wirklich so, dass wer an Gott glaubt und getauft ist, vor allem Bösen bewahrt wird? Geht man dann völlig unbeschadet durchs Leben?“ Nachdenkliches Schweigen.

„Also, ich hab‘ jetzt nicht so super viel Ahnung von diesen Dingen. Aber ich hab‘ mal gehört: Gott bewahrt uns nicht vor dem Bösen, aber in dem Bösen. Das heißt nicht, wer an Gott glaubt, schwebt auf Wolke sieben durch’s Leben. Gott mutet uns manchmal sehr viel  zu, aber er hilft uns auch.

So verstehe ich das.  Mir ist das damals klar geworden, als mein Opa seinen 80. Geburtstag feierte. Wollt ihr das überhaupt hören?“ „Erzähl, ein bisschen Zeit haben wir noch“.  

„Als mein Opa 80 wurde, hatte er uns alle eingeladen Seine ganze Family. Zu einem Dianachmittag. Er wollte mit uns sein Leben Revue passieren lassen. Auf dem Couchtisch stapelten sich die Diakästen – und er schob ein Magazin nach dem anderen hinein. Zu sehen waren ganz unterschiedliche Bilder – er als Säugling auf dem Arm seiner Mutter – er als Kind am Grab seines Vaters, den er sehr geliebt hatte und der viel zu früh gestorben war – er als Abiturient – später als Soldat mit einer Kopfverletzung – als Kriegsheimkehrer in den Trümmern seines Elternhauses. Ganz unterschiedliche Momentaufnahmen. Teils schöne, teils aber auch furchtbar schreckliche und schmerzliche Erinnerungen.

Was meinen Opa  jedoch während der ganzen Diashow unendlich nervte, war das auf  jedem Dia, das er an die Wand warf, ein dicker Fingerabdruck zu sehen war. So als hätte jemand die Dias vorher in der Hand gehabt. Er entschuldigte sich bei uns für dieses Malheur und wollte sich gerade daran machen, die  Fingerabdrücke  auf jedem Dia wegzuwischen.

Da sagte seine kleine Enkeltochter: „Nein, Opa nicht wegwischen. Das ist der Fingerabdruck von dem Gott. Der hat all die Dias vorher in seiner Hand gehabt“.

Für meinen Opa  war dies ein Schlüssel Erlebnis. Er begriff auf einmal: Mein ganzes Leben kommt aus Gottes Hand. Alles was passiert, ist durch seine Hände gegangen. Gott hat sie zugelassen: Die Schönen, aber auch die abgrundtief schrecklichen Momente. Nichts ist verlorengegangen. Gott hat mich in dem Bösen gestärkt und bewahrt, mich festgehalten und mir die Kraft geschenkt, damit fertig zu werden“ Wieder nachdenkliches Schweigen.

„Das ist wirklich ein schönes Erlebnis“,  sagt die neue Mitarbeiterin. „So eine Erfahrung wünsche ich meinem kleinen Basti von ganzem Herzen. So was trägt durchs Leben.“

Audiobeitrag Fingerprints


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