Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.05.07, 8.56 Uhr, Pfarrerin Claudia Kiehn

Weite Wiesen

Die Trostworte der Bibel benutzen manchmal merkwürdig anmutende Bilder, um uns zu stärken. Der Prophet Maleachi zum Beispiel verheißt uns, wie Mastkälber zu sein.

Na, danke schön auch! Da denke ich gleich an mein leichtes Übergewicht und das letzte gute Essen. Oder an enge Ställe, in denen die Kälber gerade einmal Platz haben zu stehen. An beiden Seiten spüren sie das einengende Eisengitter. Alleine stehen sie da, jedes in seiner Box...

Mir geht es zuweilen auch so, dass ich mich fühle wie ein Mastkalb. Eingespannt, irgendwie gefangen. Wie ich mich auch drehe und wende: Ich fühle die Gitter, sehe nur Mauern und Ausweglosigkeit. Ich bin dann unbeweglich und phantasielos - wie ein fettes Kalb in seinem Stall. Mein Gefühl: Nie werde ich dieser Enge entfliehen können!

Angesprochen fühle ich mich also schon von dem Bild des Mastkalbes. Aber es sollte doch ein Trostwort sein. Wo bleibt der Trost?

Gott sei Dank sagt der Prophet Maleachi weiter: Und Ihr werdet hüpfen wie die Mastkälber. Oder anders gesagt: Ihr werdet sein wie die Mastkälber, die man aus dem engen Stall auf die weite Weide führt.

Das nenne ich eine großartige Perspektive: Denn wer das gesehen hat, vergisst es wohl nie mehr: Diesen Anblick, wenn die Kälber auf die Weide gelassen werden. Und die Farben dazu - saftiges Grün. Die Luft. Und der Platz, der ihnen plötzlich zur Verfügung steht. Die Kälber taumeln erst einmal. Das kann ich gut verstehen - Plötzlich in die Freiheit entlas-sen, das macht unsicher. Da muss man erst herausfinden, wie man sich bewegen kann. Aber dann, wenn sie sich daran gewöhnt haben, dann hüpfen sie wirklich. Schwanz hoch und auf und davon.

Nun, wir sind keine Mastkälber. Und doch sind wir oft eingeengt im Alltag und werden von allem möglichen gefangen gehalten. Rechts und links spüren wir die Gitter. Jeder hat seine eigenen: Krankheit, Streit, Arbeitslosigkeit. Enge Gitter mit ganz unterschiedlichen Namen.

Aber manchmal sind wir längst schon auf der Weide. Und trotzdem nehmen wir unsere ei-genen Zäune immer noch mit. Wir trauen uns gar nicht heraus aus unseren Zwängen, eigenen Regeln und Grenzen. Wir glauben fest, dass die Enge zu uns gehört.

Gott aber will uns nicht der Enge von Ställen überlassen, sondern hat uns in seiner Liebe die Freiheit gegeben, die wir ausfüllen dürfen: Weite Weiden, die uns von Gott bereits geschenkt sind. Also: Greifen wir danach. Lassen Sie uns glauben, dass wir schon auf der Weide sind oder das sie zumindest vor uns liegt, dass mehr Raum für uns da ist als wir ahnen. Und dass wir uns daran gewöhnen können - dass das Taumeln, die Unsicherheit und Angst vor ungewohnter Freiheit ein Ende haben wird und wir die Weite genießen können. Mich tröstet´s: Und Ihr werdet sein wie Mastkälber, die man aus dem engen Stall auf die weite Weide führt.

Audiobeitrag Weite Wiesen


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