Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.05.07, 7.50 Uhr, Pfarrerin Claudia Kiehn

Tränen der Lebendigkeit

Wissen Sie, mit welchem Auge Sie beginnen zu weinen? Kullert die erste Träne aus Ihrem rechten oder aus Ihrem linken Auge? Sie haben noch nie darauf geachtet?

Vielleicht können Sie es auch gar nicht sagen, weil Sie so lange schon nicht mehr geweint haben? Entweder, weil Sie keinen Grund zum Weinen hatten oder weil Ihre Tränen ungeweint geblieben sind. Quasi feststecken?

Mir geht das nur in den allerseltensten Fällen so, dass ich weinen möchte, aber nicht kann. – Obwohl ich auch nicht gerade sagen würde, dass ich nah am Wasser gebaut bin. Dennoch: Manchmal laufen mir die Tränen schon herunter, nur weil ich eine rührende Szene in einem Film sehe. Zu anderen Zeiten muss es schon der aktuelle oder der erinnerte Schmerz meines Lebens sein, der mich zum Weinen bringt. Manchmal weine ich, wenn ich erschöpft bin, manchmal wenn ich wütend bin oder fassungslos, manchmal wenn ich mich hilflos fühle. Und ab und zu werden meine Augen feucht, weil ich spüre: ein anderer müsste weinen und kann es selber nicht: Es sind sozusagen stellvertretende Tränen, die dann mein Gesicht bedecken.

Gerade derjenige, der nicht weinen kann, weiß wie kostbar Tränen sind. Welches Gottesgeschenk für unsere Seele und unseren Körper. Weil ungeweinte Tränen uns irgendwie vergiften. Das stimmt im übertragenen Sinne, aber auch im wissenschaftlichen: Biochemiker haben nämlich nachweisen können, dass Trauertränen eine andere Zusammensetzung haben als die Tränen beim Zwiebelschneiden oder unsere Freudentränen. Trauertränen enthalten tatsächlich Giftstoffe, die mit den Tränen den Körper verlassen. Ungeweint bleiben sie im Körper.
Und die „Gefühlstränen“ können noch mehr: Sie enthalten nämlich eine Substanz, die wie Morphium schmerzlindernd wirkt. Durch das Weinen beruhigt sich der Körper auf chemische Weise selbst. Jede einzelne Träne also, die warm und salzig über unser Gesicht läuft, lässt uns etwas loslassen und reinigt uns, heilt uns.

Nicht, dass jetzt der Eindruck entsteht, ich würde das Weinen verherrlichen! - Natürlich sehne ich diese Zeit herbei, in der Gott unsere Tränen abwischen wird, wie es an einer Stelle in der Bibel heißt, weil dann ja - nach seinem Versprechen – auch der Tod nicht mehr sein soll, noch Leid noch Geschrei. Wenn wir also keinen Grund mehr haben werden zu weinen – außer beim Zwiebelschneiden. Natürlich sehne ich diesen Tag herbei, aber bis dahin nehme ich die Tränen, die mein Gesicht benetzten als das Glück im Unglück. Als den wunderbaren Weg hinaus aus dem Schmerz – oder vielleicht muss man sagen als den wunderbaren Weg hindurch durch das Leid, weil Gott jede meiner Tränen sieht. So wie es in einem meiner Lieblingslieder aus dem Gesangbuch heißt:

Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Bei mir ist es übrigens das linke Auge, das immer zuerst weint und mir die Schleusen öffnet zur der Lebendigkeit, die hinter meinen Tränen liegt!

 

Audiobeitrag Tränen der Lebendigkeit


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