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Von allen Seiten umgibst Du mich
Ich bin Polizeipfarrerin. Oft bin ich erschüttert, was mir Polizistinnen und Polizisten von ihren Arbeitseinsätzen erzählen. Oft ist es schwer zu hören, was sie erlebt haben.
Denn sie sehen in Ihrem Dienst oft hinter die Fassaden. Die Fassaden von Menschen, aber auch die von Gebäuden, sie sehen oft hinter die Mauern. Müssen es von Berufswegen.
Erich Kästner schreibt in einem seiner Bücher den Satz: Die märchenhafte Gabe durch Mauern und verhängte Fenster zu blicken, wäre eine Kleinigkeit gegen die Leistung, das, was man dann sähe, zu ertragen. Das stimmt wohl! Nur dass Polizistinnen und Polizisten nicht über eine märchenhafte Gabe verfügen müssen, um hinter die Mauern unserer Städte zu blicken. Sie werden gerufen, es zu tun oder müssen es tun, wenn z.B. Gefahr im Verzug ist.
Und was Sie dann sehen: Die Wohnung, in der der Müll bis zu den Knien liegt und darin das einjährige Kind, schmutzverschmiert, hungrig, verwahrlost. Die Wohnung, in der der Mann seine Frau windelweich geprügelt hat oder die Frau Ihren Mann geschlagen hat ja, dass gibt es auch und öfter als wir denken. Wohnungen, in denen Menschen seit Jahren schon nicht mehr miteinander sprechen und wortlos nebeneinanderher leben. Wohnungen, hinter deren Tür ein Mensch liegt, vielleicht schon länger. Tot, gestorben, ohne dass es jemand bemerkt hatte. Oft sind es grausame Anblicke für die Polizei, die sie hinter den verhängten Fenstern erwarten, manchmal gespenstische. Und oft bleiben die Bilder hängen, haften in ihren Köpfen, verfolgen sie, weil es nämlich schwer ist zu ertragen, was man hinter den Mauern alles zu sehen bekommt.
Ich bin dankbar, dass es die Polizisten gibt, die das stellvertretend für mich tun hinter die verschlossenen Türen blicken. Denn das geht uns doch alle an. Oft wissen wir ja oder ahnen es zumindest, wie viel Not hinter so mancher Haustüre herrscht und wie wenig Möglichkeiten wir haben, zu helfen. Wie oft fühlt sich selbst die Polizei in vielen solcher Häuser hilflos! Deshalb bin ich froh, dass Gott nicht nur die märchenhafte Gabe besitzt durch Mauern und verhängte Fenster zu blicken und nicht nur ertragen kann, was er dort sieht, sondern dass er mitträgt, miterleidet und tröstet:
So schreibt im Psalm 139 der Psalmbeter: Ich sitze oder steht auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Mich tröstet das dass Gott nicht nur einfach alles erträgt, sondern uns trägt in unseren vier Wänden. Dass er sich zu uns setzt wie ein guter Freund, den Arm um uns legt und bei uns bleibt. Mich tröstet, dass Gott bei meinen Nachbarn ist, gerade dann, wenn es diesen unendlich peinlich wäre, wenn wir sehen könnten, was sich hinter ihren geschlossenen Türen abspielt. Mich tröstet, dass er bei dem Polizisten und der Polizistin ist, wenn der Anblick einer Wohnung und vielleicht auch der Geruch in ihr wieder einmal unerträglich sind. Mich tröstet, dass Gott in meinem Haus ist und in meiner Wohnung, gerade dann wenn ich froh bin, dass niemand von außen sehen kann, was bei mir und meiner Familie gerade los ist.
Von allen Seiten umgibst Du mich
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