Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.05.07. 7.50 Uhr, Pfarrer Rüdiger Schnurr (Choralandacht)

Zieh ein zu deine Toren... (EG 133)

Im Jahr 1662 stirbt der französische Mathematiker, Physiker, Schriftsteller und Philosoph Blaise Pascal. Es war ein Zufall,

Im Jahr 1662 stirbt der französische Mathematiker, Physiker, Schriftsteller und Philosoph Blaise Pascal. Es war ein Zufall, dass sein  Diener einen handgeschriebenen Zettel fand. Er war im Saum von Pascals Rock eingenäht. Der hoch gebildete  Mann hatte eine entscheidende Erfahrung der Nähe Gottes gemacht und sie auf diesem Zettel festgehalten. Ihm  war es zur Gewissheit geworden, dass er von einer Kraft, ergriffen worden war, die sein scharfer Verstand nicht erfassen konnte. Das wollte er nicht mehr vergessen. 

Sprecher: Jahr der Gnade 1654
Montag, den 23. November, Tag des heiligen Klemens….und anderer im Martyrologium.

… Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht Feuer.

„Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs“, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Gott Jesu Christi

… „Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht, ich aber kenne dich.“ Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude.

... Jesus Christus! Jesus Christus! Ich habe mich von ihm getrennt, ich habe ihn geflohen, mich losgesagt von ihm, ihn gekreuzigt. Möge ich nie von ihm geschieden sein. Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt, kann man ihn bewahren
Vollkommene und liebevolle Entsagung. – vollkommene und liebevolle Unterwerfung unter Jesus Christus und meinen geistlichen Führer. Ewige Freude für einen Tag geistiger Übung auf Erden.  

Autor: Mit abgerissenen Sätzen, mit holzschnittartig gesetzten Stichworten und mit Zitaten der Bibel aus der Erinnerung hervorgeholt hat Pascal die Erfahrung der drei Stunden, in denen er den Glauben wieder fand, skizziert. Nach Jahren des eigenen Suchens wurde er vom Feuer Gottes, vom Feuer des Heiligen Geistes überwältigt, gewissermaßen neu geboren.

Sprecher: Zieh ein zu deinen Toren,
sei meines Herzens Gast,
der du, da ich geboren, mich neu geboren hast, o hoch geliebter Geist
des Vaters und des Sohnes,
mit beiden gleichen Thrones,
mit beiden gleich gepreist. 

Autor: Zeitgleich mit Blaise Pascal, dem sich seine mystische Erfahrung jener drei Stunden in der Novembernacht so nachhaltig in das Leben eingebrannt hat, lebte Paul Gerhardt, der das Lied: „Zieh ein zu deinen Toren“ für das Pfingstfest gedichtet hat. Es gibt eine seltsame Parallelität im Leben dieser beiden völlig verschiedenen Menschen, die sich noch nicht einmal vom Hörensagen gekannt haben dürften.

Der eine wie der andere, in Paris der fromme Katholik und Naturwissenschaftler Blaise Pascal und in Berlin der lutherische Pfarrer Paul Gerhardt, der Lieder zu dichten vermochte, die damals wie heute zu Herzen gehen, ließen sich in heftigen theologischen Streit hineinziehen. Beide nahmen für ihre Überzeugungen Nachteile in Kauf. Ob sie sich in solchen Auseinandersetzungen deutliche Zeichen von Gott gewünscht haben, Momente, in denen ihnen klar war: Gott ist auf ihrer Seite? 

Blaise Pascal brauchte sein Memorial, seinen  Erinnerungszettel, der mit den Jahren von einem Rocksaum zum anderen wanderte. Sich Gottes Beistand zu vergewissern braucht es manchmal Hilfen, auch für einen gebildeten Geist, dem hin und wieder wohl alleine das leise Knistern des Papiers Gewissheit geben konnte. Paul Gerhardt dagegen dichtete sein Lied: 1:15

Sprecher: Du bist ein Geist, der lehret, wie man recht beten soll; dein Beten wird erhöret, dein Singen klinget wohl, es steigt zum Himmel an, es lässt nicht ab und dringet, bis der die Hilfe bringet, der allen helfen kann.  

Autor: Beten und Singen, darin will der Liederdichter sich üben, und er weiß doch, dass ihm das niemals von alleine richtig gelingen wird. Er hat aber im Lauf seines Lebens gelernt, dass der Heilige Geist sich unseres hilflosen Gestammels und unserer schrägen Töne annimmt. Er mag sich dabei an den Apostel Paulus erinnert haben, der in seinem Brief an die Gemeinde in Rom schrieb:

Sprecher: Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.  

Autor: Paulus  waren die Schwachpunkte seines Lebens sehr bewusst. Er hatte erleben müssen, wie ihm gerade die von seinen Gegnern vorgehalten wurden. Er hatte selbst mehr als einmal spüren müssen, wie es ist, wenn die eigenen Kräfte wie weggeblasen sind. Aber: Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Und er gibt, was nötig ist. Gibt sogar dem Wunsch nach einem deutlicheren Zeichen von Gott nach. Aber das geschieht ganz unspektakulär. Und wenn ich es mir recht überlege, dann habe ich das alles auch schon erleben können, habe es nur nicht immer als das deutliche Zeichen für die Kraft der Liebe Gottes gehalten. Paul Gerhardt wusste es besser:

Sprecher: Du bist ein Geist der Freuden, von Trauern hältst du nichts, erleuchtest uns im Leiden mit deines Trostes Licht.
Ach ja, wie manches Mal hast du mit süßen Worten mir aufgetan die Pforten zum güldnen Freudensaal.
  

Autor: Güldner Freudensaal – ein Bild für die Erfahrungen, die Menschen machen, die vom Geist Gottes erfüllt sind. Sie sind wertvoll, als Stärkung für den eigenen Glauben und als Ermutigung für andere.Das ist Paulus wichtig: Wer den Geist Gottes als eine Kraft erfahren hat, die aus traurigen Menschen fröhliche macht, und in seufzenden und klagenden neue Hoffnung weckt, der soll sich nicht über andere erheben. Gottes Geist beweist uns nicht, dass der eigene Glaube stark ist, sondern zeigt uns, dass unser Glaube für andere sich stark machen kann.  Der Apostel   hat mit Nachdruck die Christen gedrängt, über alle begeisternden, persönlichen Glaubenserfahrungen hinaus, nach etwas noch Besserem zu streben: Nach der Liebe, die für andere da ist und ihnen hilft. Der güldene Freudensaal hat offene Türen für alle.  Er ist hier einmal  keine Metapher für die Vollendung in Gottes neuer Welt. Der güldene Freudensaal ist ein Bild für das Leben hier, in dem wir schon den Himmel schmecken können  

Sprecher: Du bist ein Geist der Liebe, ein Freund der  Freundlichkeit, willst nicht, daß uns betrübe Zorn, Zank, Haß, Neid und Streit. Der Feindschaft bist du feind, willst, dass durch Liebesflammen sich wieder tun zusammen, die voller Zwietracht seind  

Autor: Ich schaue zurück, und werde dankbar: Das alles habe ich schon erlebt. Brauche ich noch deutlichere Zeichen? So wie Blaise Pascal? Meine Memorials, meine Erinnerungszettel sind die Menschen, mit denen mich so viel im Glauben, in der Liebe verbindet, ja, oft genug nach manchem Bitterem, auch nach Zeiten der Auseinandersetzungen,  wieder so vieles neu verbindet. Wir haben die verändernde Kraft des Heiligen Geistes erfahren können:

Und so bete ich mit Paul Gerhardts Worten:
Du, Herr, hast selbst in Händen
die ganze weite Welt,
kannst Menschenherzen wenden,
wie dir es wohlgefällt;
so gib doch deine Gnad
zu Fried und Liebesbanden,
verknüpf in allen Landen,
was sich getrennet hat.

So kommt die Kraft der Liebe Gottes unter uns zum Zuge. Wir können sie empfinden und schmecken.  In unserer Welt in der sich immer wieder – mit Paul Gerhardts Worten – die  Pforten zum güldnen Freudensaal auftun werden. 

Choral: Zieh ein zu deinen Toren,
sei meines Herzens Gast,
der du, da ich geboren, mich neu geboren hast, o hoch geliebter Geist
des Vaters und des Sohnes,
mit beiden gleichen Thrones,
mit beiden gleich gepreist.

Es sprach Pfarrer Rüdiger Schnurr aus Hilchenbach über den Choral “Zieh ein zu deinen Toren“ (EG 133), einer Melodie von Johann Crüger und dem Text von Paul Gerhardt. Es sangen der Bach-Chor aus Siegen unter der Leitung von Ulrich Stötzel. Chor – und Instrumentalsatz Stefan Heidrich, Orgel Peter Scholl.

   

Audiobeitrag Zieh ein zu deine Toren... (EG 133)


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