Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.05.07, 5.56 Uhr, Pfarrerin Elke Rudloff

Auf die richtige Haltung kommt es an

„Auf die richtige Haltung kommt es an“! Ein Satz, den meine Großmutter gerne wiederholte. Beim Essen, wo die Arme nicht zu weit auf dem Tisch liegen durften.

Beim Geigespielen mit geradem Rücken. Und in der Stadt, wo wir Kinder manchmal einen Knicks oder eine Verbeugung machen mussten, wenn meine Großmutter zufällig eine Bekannte traf. Das ist sehr lange her. Aber ich weiß bis heute, wie sehr mich ihr Satz genervt hat.

Letzte Woche musste ich mich mal wieder verbeugen. Nach langer Zeit zum ersten Mal. Ich tat es sogar freiwillig und mit einem gewissen Vergnügen. Das kam so:

Ich war in der Stadt, um Einkäufe zu erledigen. In der Fußgängerzone fielen mir die vielen Bettler auf. Es waren deutlich mehr, als sonst. Einer saß auf dem Boden und schaute nach oben. Drei Häuser weiter kniete eine Frau. Sie sah aus, als ob sie mit gefalteten Händen betete. Anders als der Bettler davor starrte sie jedoch auf das Pflaster. Ich spürte, wie mich der Anblick dieser beiden Bettler aggressiv machte. Obwohl sich unsere Blicke nicht trafen, wirkten sie sehr fordernd. Allein durch ihre Haltung. Und darum wandte ich mich instinktiv ab, ohne ihnen etwas gegeben zu haben.

Ein paar Minuten später sah ich einen dritten Bettler. Der stand aufrecht und hielt fröhlich ein Schild hoch. Dabei pfiff er ein Lied. So wie er da stand  wirkte dieser Bettler anders auf mich als die beiden vorher. Irgendwie selbstbewusster und überhaupt nicht Mitleid erheischend. Gerade so, als sei es für ihn das Normalste von der Welt, hier in der Fußgängerzone um etwas Geld zu bitten. Das machte es mir leichter, mein Portemonnaie zu öffnen.

Ich ging also zu ihm hin, und wollte  eine Münze in die  Dose werfen, die vor ihm stand. Die Dose war sehr klein. Darum musste ich mich tief vor dem Bettler verbeugen. Während ich das Geld hineinwarf, bemerkte ich, in welche Haltung mich der Bettler da gerade brachte. Ich musste innerlich über mich schmunzeln. Wenn das deine Oma sehen könnte, dachte ich. Endlich mal eine freiwillige Verbeugung! würde sie wahrscheinlich sagen. Dann richtete ich mich wieder auf und sah in ein freundlich lächelndes Gesicht. Danke, sagte der Bettler und wünschte mir einen schönen Tag. Den wünsche ich Ihnen auch! Einige Meter später fing ich spontan an zu pfeifen wie der Bettler. Allerdings ein anderes Lied . Ein Weihnachtslied. Mitten im Frühling! Zugegeben, die Jahreszeit war falsch. Aber das Lied passte wunderbar zu dieser Begegnung einige  Minuten zuvor. Denn es handelte davon, wie Gott die Verhältnisse auf den Kopf gestellt hat, als Jesus auf die Welt kam. Drei reiche Könige haben Jesus damals besucht und sich bei ihrer Ankunft tief vor ihm verbeugt. Danach haben sie die Welt mit anderen Augen betrachtet. Seit diesem Erlebnis in der Stadt sehe ich den Satz meiner Großmutter mit anderen Augen. Denn manchmal kommt es ja tatsächlich auf die Haltung an. Wenn ich mich verbeuge, gewinne ich eine neue Sicht. Ich finde: Ausprobieren lohnt sich.

Audiobeitrag Auf die richtige Haltung kommt es an


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