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Thomas
Damit bloß kein Zweifel aufkommt: Von Horoskopen halte ich gar nichts. Trotzdem lese ich sie manchmal im Wartezimmer beim Zahnarzt. Aus reiner Neugier.
Typisch Zwilling - werden Astrologiefans jetzt denken. Denn uns Zwillingen sagt man die negative Eigenschaft nach, zwei Seelen in der Brust zu haben. Weswegen sich Zwillinge angeblich auch nur schwer entscheiden können. Und dauernd zwischen zwei Positionen hin und her schwanken. An Thomas habe ich jedoch gesehen, dass zwei Seelen in der Brust keineswegs ein Nachteil sind.
Thomas ist der Heilige der Zwillinge. Oder etwas weniger fromm gesagt: Unser Kronzeuge. Er gehörte zu den Freunden von Jesus, stand jedoch nicht wie Johannes oder Maria in der ersten Reihe. Thomas hielt sich mehr im Hintergrund auf und stellte höchstens mal eine Frage. Seine große Stunde kam erst sehr spät. Jesus war schon am Kreuz gestorben und begraben worden. Da hatten sich Jesu Freunde noch mal versammelt. Wahrscheinlich um sich gegenseitig zu trösten. Oder um zu beraten, was sie jetzt mit ihrem Leben weiter anfangen sollten. Plötzlich trat Jesus mitten unter sie und sagte zu ihnen Friede sei mit euch!
Thomas war in diesem Moment nicht dabei. Ich vermute, dass er in seiner Trauer alleine sein wollte. Für ein inneres Zwiegespräch. So kam er erst etwas später zu seinen Freunden zurück. Sie waren - anders als er selbst gut gelaunt. Begeistert erzählten sie ihm, dass Jesus auferstanden und zu ihnen gekommen war. Doch Thomas ließ sich nicht mitreißen. Skeptisch schüttelte er den Kopf. Ich brauche handfeste Beweise! sagte er. Wenn ich nicht seine Wunden sehe und seine Narben fühlen kann, glaube ich euch gar nichts! Dann drehte er sich um und ging weg. Den Freudentaumel der anderen konnte er einfach nicht aushalten. Obwohl gleichzeitig eine innere Stimme in ihm schrie: Wenn sie doch nur recht hätten! Und wenn Jesus wieder leben würde. So gerne würde ich ihnen glauben, aber ich kann es einfach nicht. Nicht bevor ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe.
Acht Tage stritten diese beiden Stimmen in Thomas. Die Stimme der Trauer und des Zweifels. Gegen die Stimme der Hoffnung und des Glaubens. Dann traf er sich wieder mit den anderen. Und es geschah ein zweites Mal: Jesus trat unter sie und sagte Friede sei mit euch! Dabei guckte er besonders Thomas an und wandte sich ihm zu. Du möchtest meine Wunde berühren, um glauben zu können. Tu es, forderte er Thomas auf. Doch das brauchte Thomas jetzt nicht mehr. Was er sah und hörte, reichte ihm, um glauben zu können, dass Jesus den Tod hinter sich gelassen hatte.
Diese Geschichte gehört zu meinen Lieblingsgeschichten aus der Bibel. Weil sie den Zweifel ernst nimmt. Und deutlich macht, dass der Zweifel eine positive Kraft ist. Denn oft führt mich wie Thomas erst der Zweifel dazu, mich mit einer Sache tiefer auseinander zu setzen. Statt sie einfach vom Hörensagen zu übernehmen. Thomas, der Kronzeuge der Zwillinge zeigt mir: Die Wahrheit finde ich im Gespräch der beiden Seelen in meiner Brust. Dem Gespräch zwischen Zweifel und Glauben. Und darum ist es überhaupt kein Nachteil, Zwilling zu sein.
Thomas
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