Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.05.07, 06.30-07 Uhr, Rouven Schmitting

Der Nächste und der Nächste und der Nächste?

„Vielen Dank, das war sehr nett!“ knarzen die Lautsprecher in S-Bahn. Ein Typ mit Rastalocken hilft einer älteren Dame mit Rollator über die Schwelle. Er grinst mich an.

Ich grinse zurück. Toll! Vor allen Leuten in der S-Bahn gelobt zu werden, das hat schon was. Aber! Ist es wirklich so selten geworden, dass wir helfen? So selten, dass eine kleine Aktion gelobt werden muss?   

Eine Gummiente quitscht durchdringend. Vor mir eine junge Frau mit Kinderwagen – 10 Meter weiter in der Bahn. Zwischen mir und ihr befinden sich noch eine Handvoll anderer. Der im Anzug, der geschäftig auf sein Handy einredet. Zwei kichernde Mädels, die sich die Stöpsel eines Mp3-Players teilen: Ein Anstreicher in weiß gesprenkelter Hose, der erschöpft die Augen geschlossen hat. Was nun?  Hingehen oder nicht, wenn die Mutter aussteigen will und mit dem Kinderwagen die engen Stufen herabsteigen muss? Oder doch einfach warten, gucken, ob nicht jemand hinzukommt, der näher dran ist. Dann bräuchte ich nicht extra durch die halbe Bahn laufen.

Hat das nicht schon etwas mit Nächstenliebe zu tun, wenn ich der Frau mit dem Kinderwagen helfe? Nur - wie lege ich das fest? Ist mir die Frau nicht nahe genug, um ihr mit dem Kinderwagen zu helfen? Und wenn der Nächste nicht hilft, wer kommt dann an die Reihe? Der Nächste und der Nächste und der Nächste? Bin dann nicht sowieso irgendwann ich dran? Dann kann ich auch schon jetzt der Nächste sein. Also gehe ich einfach hin und frage, ob ich helfen soll!

Sprecher: Michael Birgden

 

Audiobeitrag Der Nächste und der Nächste und der Nächste?


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