Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.05.07, 7.45 Uhr, Pfarrer Stephan Kiepe-Fahrenholz

Betet

Der heutige Sonntag kommt in Befehlsform daher. Er heißt „Betet!“, lateinisch: Rogate. Ein Befehl, eine Aufforderung zum Gebet -

das kommt einem mit Recht zunächst einmal befremdlich vor. Die Anordnung „Helm ab zum Gebet“ stammt aus einer eher unseligen deutschen Militärtradition. Und wenn uns gelegentlich in den Fernsehnachrichten Bilder vom Freitagsgebet in irgendwelchen Moscheen erreichen, dann erweckt dies, wenn auch zu Unrecht, ebenfalls den Eindruck, als ob Beten hier nur dazu dient, eine Masse von Menschen auf Kommando in eine vorschriftsmäßige Stimmung zu versetzen.

Dass die meisten von uns, sofern sie überhaupt noch irgendwas mit Beten ver-binden, hier ein Missverständnis oder einen Missbrauch des Gebets wittern, hängt damit zusammen, dass wir Beten in der Regel als etwas Persönliches, fast schon Intimes verstehen, zu dem man sich nicht nötigen lässt. Deshalb ist es nicht verwunderlich  dass Untersuchungen zufolge zwar mehr Menschen beten als man meint, im normalen Leben das Beten aber praktisch tabu ist, und wer’s tut, spricht nicht drüber.

Das scheint auf den ersten Blick auch sein Recht zu haben. Immerhin hat auch Jesus bei einer bestimmten Gelegenheit einmal gesagt: Wenn du beten willst, dann geh in dein Kämmerlein – und sich damit deutlich gegen das Beten als Vehikel der öffentlichen Zurschaustellung von frommem Leistungssport gewandt.

Trotzdem ist Beten alles andere als pure Privatsache. Derselbe Jesus hat in ei-ner besonders dramatischen Situation, in Erwartung der zu seiner Festnahme ausgesandten Truppe, klar und kompromisslos zum Gebet aufgefordert. Betet, hat er seinen Jüngern gesagt, damit ihr nicht in Anfechtung fallt. Hier kommt das Beten in seiner eigentlichen Bedeutung in den Blick - nämlich weder als Selbstgespräch noch als sinnloser Dialog mit einem nicht-existenten Gegen-über, sondern als eine ganz bestimmte Technik und Haltung, die es mir ermöglicht, in bestimmten Situationen bestimmte Ressourcen zu wecken.

Das kann, das muss aber nicht immer mit krisenhaften oder bedrohlichen Vorgängen verbunden sein. Das älteste Gebetbuch der Welt, die biblischen Psalmen, wissen viel von Gefahr und Klage, aber ebenso viel von glücklichen Fügungen, Lob und Dank zu sagen. So oder so dient mir das Beten dazu, mich in ein Verhältnis zu meinem Gott und zu meiner Umwelt samt meinen Mitmenschen zu setzen und damit die verborgenen Kräfte meines Glaubens zu wecken, die mich mein Leben in  vielen  Situationen meistern und, wo nötig, auch ertragen lassen.

Es ist kein Zufall, dass in einer komplizierter werdenden Welt die Menschen von A wie Atemübung bis Z wie Zen nach jeder Bewältigungskrücke greifen und sich zwischen wieder entdeckten mittelalterlichen Hexenritualen und fernöstlicher Weisheit an jedem meditativen Bauchladen Rat und Hilfe suchen. Das mag manchem helfen, ich will das nicht richten. Persönlich kann ich sagen, dass ich mit der einfachen, aber wirkungsvollen Technik des Betens bislang ganz gut durchs Leben gekommen bin, und ich empfehle sie deshalb nachdrücklich.

 

Audiobeitrag Betet


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