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Religion kann auch sexy sein
Religion kann auch sexy sein! Zugegeben: ein etwas provokanter Titel für ein geistliches Wort: Hoffentlich nicht abschreckend für Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer,
sondern eher Neugier darauf weckend, was sich da hinter diesem Satz verbergen mag. Ich bin Hellmut Wiegand, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen und dortr tätig in der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern. Mit dem Satz Arm aber sexy!, hat der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, vor einiger Zeit unsere Hauptstadt charakterisiert und mit seiner Formulierung etwas zusammengebracht, was in der Regel nicht in Verbindung miteinander gebracht wird: die extrem schwierige finanzielle Situation seiner Stadt und ihrer besondere Attraktivität. Heftige Empörung hat das damals ausgelöst, weil Armut und sexy sein für viele nicht zusammen passt. Noch weniger passen wahrscheinlich die Begriffe Religion und sexy zusammen.
Und die Behauptung, Religion sei sexy, oder vorsichtiger formuliert, Religion könne auch sexy sein, geht einem ja auch eher schwer über die Lippen - zumal in einer Umwelt, in der Religiosität und Glaube gemeinhin nicht gerade mit Lust in Verbindung gebracht werden. Eher gibt es ja eine lange kirchliche Tradition von Lustfeindlichkeit gerade in der evangelischen Kirche. Auf Paulus bezieht man sich dann gerne, obwohl ich gar nicht sicher bin, ob er da wirklich richtig verstanden worden ist. Das zieht sich bis heute in unserer Kirche durch: In Gottesdiensten und Predigten fällt es oft leichter, das Leid unserer Welt zu beklagen, anstatt Freude zu verbreiten das Osterlachen, das bis zur Ekstase gehen konnte, ist aus den Ostergottesdiensten verschwunden. Gottesdienste haben eine Tendenz zur Nüchternheit, sogar fröhliche Lieder klingen oft eher verhalten, Essen und Trinken sind auf die notwendigen Elemente reduziert: ein Stückchen Brot und ein Schlückchen Wein- oder besser noch Saft. So ist es letztlich nicht verwunderlich, dass sich Lust und Leidenschaft mehr und mehr aus der Kirche und auch aus der Religion zurückgezogen haben. Merken wir eigentlich noch, dass beides hier fehlt? Oder haben wir uns daran gewöhnt, dass es eine Welt der Religion gibt und daneben eine Welt in der Lust und Leidenschaft zu Hause sind?
Eine dieser Welten, die gemeinhin eher für Lust und Leidenschaft stehen, die Welt der Popmusik und der Unterhaltung, hat allerdings die Religion gerade wieder einmal neu für sich entdeckt. Zu religiösen Themen und Fragestellungen gibt es derzeit keine Berührungsängste, ganz im Gegenteil, sie werden, weil offensichtlich angesagt, auch kommerziell genutzt. Harpe Kerkelings Bericht über seine Erfahrungen als Pilger auf dem Jacobsweg sind genauso ein Verkaufs-schlager wie Herbert Grönemeyers Song Ein Stück vom Himmel.
Bewundernswert, wie es hier Prominenten, die ja unter der Hand entscheidende Meinungsmacher unsere Gesellschaft sind, gelingt, religiöse Themen auch an Menschen heranzutragen, die von den Kirche, als den formalen Meinungsführern für Religion, nicht erreicht werden. Und obendrein macht es richtig Spaß, mit Harpe Kerkeling die Gedanken beim Pilgern zu teilen oder mit Herbert Grönemeyer über den Himmel zu singen
Musikzuspielung: Herbert Grönemeyer Ein Stück vom Himmel
Solche Lust und Leidenschaft wünschte ich mir manchmal, wenn wir uns in unserer Kirche mit religiösen Themen beschäftigen. Hin und wieder, etwa bei Kirchentagen, da bricht so etwas durch, da weiß Mann - und auch Frau - gar nicht mehr, wohin mit all der Lust und Freude, die das gesellige Beisammensein, das gemeinsame fröhliche Singen und Beten und auch das leidenschaftliche Streiten freisetzen. Und danach da wird es fast überall eher wieder nüchtern und sachlich, geht seinen gewohnten Gang. So als ob wir mit unserem Glauben gewissermaßen in die Jahre gekommen wären: der Alltag droht fade zu werden und Höhepunkte gibt es nur zu ganz besonderen, eher seltenen Anlässen. Schade, denn Lust und Leidenschaft und Religion und Glaube müssen gar nicht per se Gegensätze sein. Im Gegenteil, eigentlich gehören sie zusammen. In der Bibel gibt es ein ganzes Buch ausschließlich zu Lust und Leidenschaft Mit herrlicher Poesie, Versen über Lust und Verzückung angesichts der und des Geliebten:
Sprecher: Ich komm in den Garten, zu dir, meine Braut! Ich pflücke die Myr-rhe, die würzigen Kräuter. Ich öffne die Wabe und esse den Honig. Ich trinke den Wein, ich trinke die Milch. Esst, Freunde, auch ihr, und trinkt euren Wein; Berauscht euch an Liebe!
Du bist schön wie keine andre, dich zu lieben macht mich glücklich! Schlank wie eine Dattelpalme ist dein Wuchs, und deine Brüste gleichen ihren vollen Rispen.
Auf die Palme will ich steigen, ihre süßen Früchte pflücken, will mich freun an deinen Brüsten, welche reifen Trauben gleichen. Deinen Atem will ich trinken, der wie frische Äpfel duftet, mich an deinem Mund berauschen, denn er schmeckt wie edler Wein
Autor: So kann sich die Bibel anhören. Sätze aus dem Hohenlied Salomos, geschrieben vermutlich im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt. Lied der Lieder heißt dieses Buch in der hebräischen Sprache, ein Lied oder verschiedene Lieder über die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau. In die Bibel wurde dieses Buch wohl aufgenommen, weil die dort beschriebene Liebesbeziehung gleichnishaft gesehen wird für die Liebe Gottes zu seinem Volk und zu seiner Kirche - eine Beziehung voller Lust und Leidenschaft, gespickt mit erotischen Andeutungen und sexuellem Verlangen. Die Liebe Gottes zu den Menschen - wohlgemerkt und umgekehrt.
Zur Zeit der alten und mittelalterlichen Kirche spielte das Hohelied - insbesondere in der Mystik - eine große Rolle. Hingabe war religiöses Lebenselixier, die Verbindung mit dem Bräutigam Christus war hoch erotisch. Heute ist das Hohelied Salomos weitgehend aus dem Gesichtsfeld der Kirche verschwunden, gepredigt wird darüber schon lange nicht mehr, gelesen wird dieses Buch eher außerhalb der Kirche als säkulares Buch voller Liebespoesie. In einem Sonntagsgottesdienst ist mir das Hohelied kaum begegnet. Ob Lust und Leidenschaft dort nicht mehr vorkommen sollen? Ob die Verbindung von Religion und Lust suspekt geworden ist?
So droht dieses Liebeslied kirchlich-religiös mehr und mehr in Ver-gessenheit zu geraten. Parallel dazu geraten Lust und Leidenschaft immer mehr ins Abseits religiöser Thematik und halten sich nur noch im Verborgenen der biblischen Botschaft.
Umgekehrt glaube ich leben religiöse Themen heute oftmals eher im Verborgenen scheinbar säkularer Texte von Liebe, Lust und Leidenschaft und bilden manches mal auch deren Hintergrund. Zum Beispiel bei Rosenstolz, dem Pop-Duo aus Berlin
Musikeinspielung: Rosenstolz Ich bin ich
Ich bin ich, so wie ich bin - das allein ist meine Schuld. Selten ist mir in letzter Zeit dieses Thema so eingängig und berührend entge-gen gekommen wie in diesem Stück und ich bin sicher, es ist nicht nur die Musik, die diesen Song zum Hit gemacht hat. Es ist das Thema, das Menschen bewegt. Die religiöse Frage, die hinter dem steht, was der mittelalterliche Theologe Augustinus im 4. Jahrhundert Erbsünde genannt hat - die Auffassung, wir brächten schon qua Geburt Schuldigsein mit in unser Leben. Die Theologie hat dazu bis heute jede Menge Gedankensysteme hervorgebracht, die kaum ein Mensch wirklich versteht. Aber die entsprechende Erfahrung, die Menschen immer wieder machen und die insbesondere Jugendliche auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden begleitet, die kennt vermutlich jeder:
Darf ich so sein wie ich bin und was daran ist meine Schuld? Und das berührt nicht nur die Frage der eigenen Sexualität sondern der Lebensgestaltung insgesamt: das Leben als Individuum in der Gemeinschaft. Gehör ich hier denn noch dazu oder bin ich längst schon draußen?, fragt Anna R von Rosenstolz. Auf dem dazugehörenden Video spürt ein kleiner Junge sein Anders-sein ängstlicher ist er als die anderen, stiller, in sich gekehrt. Ideales Opfer für die anderen, die ihn auslachen, als er vom Drei-Meter-Brett herunterklettert, weil er seine Angst vor dem Sprung ins Was-ser nicht überwinden konnte.
Oder das Mädchen, das stolz auf der Bühne steht und dann alles vermasselt, weil es seinen Text vergessen hat und das ganze Theaterstück zum Abbruch bringt. Leise in der Garderobe vor sich hin weinend die eine, der andere von seinen Mitschülern johlend auf den Topf gesetzt versteinert und verstummt. Scham und Schuld sind Gefühle, die sich ganz früh bereits in unserer Seele einnisten und uns unser Leben lang begleiten.
Gut, wenn es dann nicht beim Rückzug bleiben muss. Der ängstliche Junge und das vergessliche Mädchen treffen aufeinander, werden später ein Paar, verstehen sich in ihrer Scham und in ihrer Sehnsucht, so zu sein wie die anderen, um doch immer wieder zu spüren, dass die Höhenflüge scheitern.
Immer wieder erfahre ich, dass ich den Anforderungen, die ich an mich stelle und den Bildern, die ich von mir habe, häufig nicht entspreche. Existenziell-religiöse Thematik pur, ohne dass sie als solche benannt und auch ohne dass sie so unendlich schwer wird. Im Ge-genteil: mit verblüffender Leichtigkeit, mit Lust und Leidenschaft in Stimme und Auftreten wird dies besungen.
Musikeinspielung: Rosenstolz Ich hab genauso Angst wie du
Wie anders klingt das, als manche unserer Schuldbekenntnisse und ist doch nicht weniger ernsthaft. Wie leidenschaftlich, erotisch und mit Hingabe wird hier mit dem Thema Lebensangst, Lebenslüge, Scheitern umgegangen wahrlich keine leichten Themen. Und vorschnelle Antworten werden hier auch nicht gegeben.
Wie wäre es, wenn wir in den Kirchen unsere Gebete wieder öfter singen, die Predigten häufiger mal in musikalische Formen gießen würden? Lust und Leidenschaft brauchen mit Sicherheit mehr als nur das gesprochene Wort. Das Hohelied Salomos war ja eine gesungene Liebeserklärung, in leidenschaftlicher Sprache. Wie übri-gens auch das bekannte Passionslied O Haupt voll Blut und Wunden von der Melodie her ursprünglich eine Liebeslied war. Wie viele andere Gesangbuchlieder auch.
Wenn man verliebt ist, dann kommt man leicht ins Singen, dann wird die Liebe und der oder die Angebetete leidenschaftlich besungen. Wenn wir das Religiöse wieder mehr als Liebe erleben und verstehen könnten, dann käme sicherlich auch mehr Kraft und Leidenschaft in unsere Gottesbeziehung, dann müssten Lust und Erotik nicht außen vor gelassen werden. Religion wäre dann wieder ein bisschen mehr sexy also anziehend, spannend, anrührend, reizvoll, spielerisch. Religion könnte wieder zum Hingucker werden statt wie jetzt oft Weggucker zu sein. Und das nicht nur außerhalb der Kirchenmauer
Übrigens: In der evangelischen Kirche wird heute der Sonntag Kantate gefeiert, dessen Name die Aufforderung zum Singen enthält. Stimmen Sie doch mal mit ein und besingen mit Herbert Grönemeyer Ein Stück vom Himmel, teilen mit Rosenstolz die feste Überzeugung Ich bin ich oder machen sich auch mit Paul Gerhardt auf den Weg in die Natur mit seinem Klassiker Geh aus mein Herz und suche Freud. Und haben Sie dabei einen schönen Sonntag. Hellmut Wiegand von der Evangelischen Kirche.
Musikeinspielung: Sarah Kaiser Geh aus mein Herz und suche Freud
Religion kann auch sexy sein
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